Schiffahrtskanäle im Altertum und Mittelalter.
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um dem Herrscher den Tribut seiner Unterthanen zuzubringen. Der Kaiserkanal (Abb. 2
S. 7) ist dabei nur der Hauptstamm eines unzählige Glieder besitzenden Kanalnetzes,
das für die Wohlfahrt des Landes von großer Bedeutung ist, und dessen Kenntnis daher
einen wesentlichen Teil der Kenntnisse eines gebildeten Staatsbeamten überhaupt bildet.
Die Erbauung jedes Kanals wird in den Annalen verzeichnet und bringt dem Erbauer
den Ruhm der Nachkommen ein. Die ersten Staatsbeamten sind mit der Erhaltung der
Kanäle beauftragt. Kein Mandarine kann auf die Würde eines Gelehrten Anspruch erheben,
ohne genaue Kenntnis der Kanüle seiner Provinz zu besitzen. Die Gouverneure müssen die
Geschichte, die Ausmessung, die Berechnungswcise der Dämme, Schleusen, .Brücken und Kanäle
kennen. Die Organisation der Wasserwirtschaft ist bei der Bedeutung, welche die Reiskultur
für das gesamte ungeheure Reich besitzt, die Hauptaufgabe der Staatsbehörden. Eine Abgabe
für die Benutzung des Wassers in
irgend einer Form existiert in China
nicht. Die Benutzung der Wasser
straßen war eine sehr lebhafte. Die
Binnenfahrzeuge besaßen einen Mast
und ein Segel und hatten eine Trag
fähigkeit von 1200 bis 3600 t, 10 bis
12 Pferde zogen die Schiffe.
. Die Städte waren vielfach von
zahllosen Kanälen durchzogen. Nach
Marco Polo besaß Hcmgtschou-fu
12000 Brücken und Stege, die über
die Hauptkanäle so hoch geführt waren,
daß die Schiffe mit aufrechtem Mast
darunter passieren konnten. Diese
Binnenwasserstraßen dienten dem pro
vinzialen Handel. Von alters her
haben die Chinesen ihre Städte so
angelegt, daß sie für Fahrzeuge zu
gänglich sind, fast jede nur einiger
maßen bedeutende Stadt ist von Ka
nälen durchschnitten oder umgeben
und steht mit einem schiffbaren Fluß
in Verbindung. Der Plan von
Soutscheou läßt diesen Reichtum
an städtischen Wasserstraßen erkennen.
Ein anderer alter Kanal, der für
Deutschland nach Erwerbung der
Kiautschoubucht erhöhtes Interesse be
sitzt, war der Kanal, der die Schan-
tuughnlbinsel von der Kiautschou- bis
zur Laitschoubucht durchschnitt und
den Namen Kiau Lai-Ho führte. Mit
dieser Wasserstraße ist der Name des
ersten Kaisers der Sang-Dynastie
<960 ii. Chr.) verknüpft, auf dessen «?». plan von Soutscheou.
Befehl auch die Brücken über den
Kanal erbaut wurden. Die Zahl derselben beträgt 72, und jede Brücke ruht auf dem Mauer
werk einer Schleuse. Dieser Kanal wurde zu gunsten einer besseren Route aufgegeben, und
zwar geschah dieses, als die Nordeinfahrt des Kanals infolge der Wirkung der Fluten des
Gelben Flußes versandete. Der Kanal hatte eine Länge von 100 Seemeilen und verkürzte
die Entfernung zwischen Peking und den reichen Reisfeldern im Süden, auch ersparte er der
Gctreideflotte die Ilmschiffung des gefürchteten Schantung Vorgebirges. Heute dient dieser
Kanal nur noch gewissen Plätzen für den örtlichen Transport.
In einem anderen Teil Asiens, in Indien, kamen im Mittelalter ebenfalls hervor
ragende Kanalbauten zur Ausführung. Bei Aufzählung der bedeutendsten Anlagen dieser
Art dürfen die Schöpfungen des durch seine Gerechtigkeit und Milde ausgezeichneten
Regenten der Afghanen, Feroze Toghluk, nicht vergessen werden. Im Jahre 1350 ließ
Feroze einen 150 km langen Kanal vom Ssetledsch bis zum Steppenfluß des Caggar aus
führen. Im folgenden Jahre ließ er den berühmten Feroze-Kanal, der an der alten
Festung Haust vorüberführt, in Angriff nehmen. Ein dritter Kanal führte das Wasser
des Jamuna in ein großes Bassin bei Hiffar Feroze. Durch einen vierten Kanal sollte
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