472 ' Schiffahrtskanäle.
Francois Andreossy ward am 10. Juni 1633 zu Paris geboren. Er widmete sich dem
Studium der Mathematik und Mechanik. Im Jahre 1656 war er in Languedoc, 1660 ging
er nach Italien. Im Alter von 27 Jahren unterbreitete er Riquet sein Projekt, 1664 legte
Andreossy dem Chevallier de Clerville den detaillierten Entwurf nebst Kostenanschlag vor, der
das Projekt 1666 zur Kenntnis des Königs brachte. Colbert, wie auch Ludwig XIV. wandten
dem Unternehmen große Beachtung und Unterstützung zu.
Angeregt durch die Inaugenscheinnahme der französischen und namentlich der
holländischen Kanalverbindungen wandte Peter der Große der Schaffung von künst
lichen Wasserwegen in seinem ungeheuren, noch auf einer verhältnismäßig tiefen Stufe
der Kultur stehenden Lande seine Aufmerksamkeit zu. Sein weiter Blick ließ ihn erkennen,
welch großen Einfluß die Schaffung derartiger Verbindungswege auf die Hebung des
Handels und der Industrie seines Volkes ausüben mußte.
In der That ist eine Betrachtung Rußlands in hohem Maße geeignet, die Bedeutung der
Schaffung neuer Verkehrswege für die Hebung des Kulturstandes darzuthun. Durch die
Erbauung von Wegen und Kanälen näherte sich Rußland im 17. und 18. Jahrhundert ganz
wesentlich der abendländischen Kulturwelt. Bei der Einführung der Verkehrsanstalteu dienten
die Einrichtungen höher kultivierter Länder zum Muster. Durch Kunststraßen und Kanäle
mußte das räumlich ungeheuer große russische Reich gleichsam kleiner gemacht werden, konnte
doch nur durch derartige Kommunikationsanstaltcn es ermöglicht werden, daß der Einfluß
einer höheren Zivilisation sich tiefer in das Reich hinein erstreckte. Im Anfange des 17. Jahr
hunderts war von Kunststraßen noch gar keine Rede, außerordentlich spärlich war die Be
völkerung über das unermeßliche Gebiet gesäet. Die großen Entfernungen der Ortschaften
voneinander trugen erklärlicherweise zur Erschwerung und Verteuerung der Wege bei. Der
größte Teil der ackerbautreibenden und gewerbthätigen Landschaften Rußlands, sowie ein
großer Teil des Waldgebiets gehören den Zuflußbecken der Wolga und des Dnjepr an.
Bereits zur Zeit der Waräger bestand ein lebhafter Handel aus den Quellgebieten der beiden
genannten Ströme nach den von den Hansestädten an der baltischen Küste errichteten Faktoreien.
Bei diesem Transport mußten die Waren zum Teil über Land geschleppt werden.
Als Peter der Große sein Reich bis an das Meer ausgedehnt und den Plan gefaßt
hatte, seine Hauptstadt an diesen Gestaden zu errichten, mußte in den bis dahin bestandenen
urwüchsigen Zuständen eine Änderung eintreten. Francis Lee, ein englischer Geistlicher, ver
faßte 1698, als Peter der Große in England weilte, für denselben einen Reformcntwurf, dessen
Durchführung verschiedenen Behörden übertragen werden sollte. Eine dieser Behörden sollte
es sich angelegen sein lassen, die Natur zu vervollkommnen und zu diesem Zwecke, unter
anderen Bauten, Kanalanlagen ins Leben rufen. Bereits etwas früher war der Anfang mit
der Anlegung eines Kanalsystems im russischen Reiche gemacht worden. Im Jahre 1696
hatte Peter in Woronesh den Entwurf zur Verbindung des Don mit der Wolga bestätigt.
Fürst Boris Alexejewitsch Galizyn sollte die Ausführung leiten, und 35000 Arbeiter wurden
aus den nächstgelegenen Provinzen versammelt. Technischer Leiter war zuerst Thomas Baily,
später der deutsche Jngenieuroberst von Brücket. Letzterer war der Sache nicht gewachsen,
die erste Schleuse stürzte beim Einlassen des Wassers ein, und der Erbauer entfloh. John
Perry, ein außerordentlich tüchtiger englischer Ingenieur, der im Jahre 1698 dem Zaren
Peter bei dessen Anwesenheit in England empfohlen und von ihm mit 300 Pfund Gehalt
in Dienst genommen worden war, setzte die Arbeit mit 12000 Arbeitern fort. Da derselbe
jedoch in Rußland zwar außerordentlich viel Arbeit fand, aber keine Bezahlung erhielt, ver
ließ er, als Mahnungsversuche nichts halfen, trotz der Drohung des Zaren, ihm den Kopf
abschlagen zu lassen, das Land.
Bald nach der Gründung Petersburgs faßte Peter den Plan zur Schaffung einer Wasser
straße, die den neuen Hafen mit dem Landesinneren verbinden sollte. Im Jahre 1711 wurde
der Kanal, welcher die Twerza (Nebenfluß der Wolga) mit der Msta (Nebenfluß des Wolchow)
verbindet, vollendet. Die beiden Wasserstraßen, welche nach Peters Plänen die Wolga mit
dem Ladogasee und St. Petersburg verbinden sollten, kamen erst unter Katharina II. und
Paul zur Vollendung. Es ist namentlich das Verdienst des Grafen Sievers, daß dieses
„Tichwinsche System" und das „Marien-Kanalsystem" fertiggestellt wurden. Auch
die Verbindung des Dnjepr mit der bei Riga niündenden Düna ist auf die Anregung Sievers'
zurückzuführen. Die letztere Konimunikation wurde durch den im Anfange dieses Jahrhunderts
erbauten Beresinakanal bewirkt, während durch den Oginskikanal der Dnjepr mit dem
Rjemen verbunden wurde. Die Verbindung des Dnjepr mit dem bei Nowo Georgiewsk in
die Weichsel mündenden Bug, der Königskanal, ist ein Werk des letzten polnischen Königs,
Stanislaus August. Der das Stromgebiet der Weichsel von Narew aus mit dem Njemen
verbindende Augustowoer-Kanal wurde gegen Ende des vorigen Jahrhunderts angelegt.
Da der Oginskikanal und der Königskanal die Hafenstädte Memel, Königsberg und Danzig
mit dem inneren Rußland in Verbindung setzen, so sind diese Wasserstraßen für den deutschen
Handel von großer Wichtigkeit. Die südlichen russischen Ströme: Don, Dnjepr und Bug,
sowie das „Kanalsystem des Herzogs Alexander von Württemberg", durch welches die in das