Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

476  Schiffahrtskanäle.

auch  der  hier  vorliegende  Gegenstand  ein  solches  Bild.  Auch  hier  folgte  dem  Blühen
ein  Stillstand  und  sodann  ein  Abwelken.  Allmählich  brach  in  England  eine  wahre
Kanalbanwut  an,  und  ihre  Folge  war,  daß  manche  dieser'Unternehmungen  zusammenbrachen, ­
  ehe  noch  der  erste  Spatenstich  gethan  war.  In  den  Jahren  1791—1793  wurden
nicht  weniger  als  100  Kanalunternehmungen  begründet,  kaum  ein  Viertel  der  Projekte
kam  zur  Ausführung.
Nach  dem  1890  erschienenen  Blanbnch  haben  die  gesamten  Binnenwasserwege  des
Bereinigten  Königreichs  eine  Ausdehnung  von  3813  englischen  Meilen,  d.  d.  6100  km.
In  diesem  Längenmaß  sind  die  kanalisierten  Flüsse  wie  Themse,  Weaver,  Mersey,
Severn  u.  s.  w.  mit  einbegriffen.  Schottland  besitzt  150  Meilen  —  240  km.  Hiervon
entfällt  die  Hälfte  auf  den  Crinan-  und  Caledoniankanal,  welche  auf  Staatskosten  erbaut
sind  und  mit  Verlust  betrieben  werden.  Ein  Übelstand  ist  es,  daß  zahlreiche  Kanäle  sich
im  Besitze  von  Eisenbahngesellschaften  befinden,  welche  sie  gleichsam  aushungern  lassen.
Im  Anschluß  an  die  englischen  Kanäle  dürfte  der  durch  englischen  Einfluß  entstandenen
Wasserstraßen  in  Indien  und  Kanada  zu  gedenken  sein.
Zu  den  bedeutendsten  Kanalbauten  in  den  englischen  Kolonien  gehört  der  neue  Gangeskanal ­
  und  die  Wiederherstellung  des  Delhikanals,  der  uni  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
gänzlich  in  Verfall  geraten  war.  Die  Hungersnot  der  Jahre  1837  und  1838  gab  den  Anstoß
zur  Schaffung  des  Gangeskanals,  eines  riesenhaften  Unternehmens,  durch  welches  nicht
nur  dem  Wassermangel  in  trocknen  Jahren  und  somit  dem  Ausbruch  von  Hungersnot  nach
Möglichkeit  vorgebeugt,  sondern  auch  gleichzeitig  eine  Ausschließung  der  zwischen  dem  Ganges
und  dem  Jumna  liegenden  Landschaft  durch  Schiffahrtskanäle  erfolgen  sollte.  Im  Jahre  1847
war  der  Plan  nach  endlosen  Schwierigkeiten  so  weit  festgestellt,  daß  er  1848  in  Angriff  genommen
  werden  konnte.  Um  den  Hauptkanal  und  die  Zweigkanäle  stets  hinreichend  mit
Wasser  versehen  zu  können,  war  es  erforderlich,  dem  Ganges  das  Wasser  an  einer  Stelle  zu
entnehmen,  an  welcher  die  Wasserführung  stets  eine  genügende  ist.  Als  Anfangspunkt  wurde
die  Stadt  Hurdwar  gewählt,  woselbst  der  Ganges  in  die  hindostanische  Ebene  eintritt.  Dev
Wassergehalt  beträgt  hier  220  cbm  pro  Sekunde.  Das  abzuführende  Wasserquantum  wurde
auf  180  cbm  festgesetzt,  so  daß  dem  Stronie  nur  ein  kleiner  Teil  seiner  Wassersülle  verblieb.
Die  Länge  des  Kanals  beträgt  500  km.  Er  zieht  sich  in  den  Douablandschasten  zwischen
Ganges  und  Jumna  über  Allyghur  zur  Stadt  Cawupore  (etwa  224  km  oberhalb  Allahabad
am  Vereinigungspunkt  des  Ganges  und  des  Jumna)  hiü.  Der  Kanal  besitzt  im  Anfange
eine  Breite  von  52  und  eine  Tiefe  von  3  m.  Im  weiteren  Verlaufe  nehmen  diese  Dimensionen,
deut  abgeleiteten  Wasser  entsprechend,  immer  mehr  ab.  Das  schwierigste  und  bedeutendste  Bauwerk ­
  ist  der  Solani  -  Aquädukt;  der  Kanal  mußte  nämlich  über  den  Solanifluß  mittels  einer
Überbrückung  geleitet  werden,  um  in  die  Douabebene  eintreten  zu  können.  Die  Einweihung  des
Aquädukts  wurde  am  8.  April  1854  zu  Rovrkhee  festlich  begangen.  Zu  diesem  Akte  fanden
sich  500000  Menschen  aus  den  verschiedensten  Völkerschaften  und  Stämmen  zusammen,  Sikhs,
Bangalesen,  Rohillas,  Afghanen,  Mahrattas  und  viele  andere.  Die  Kosten  dieses  Kanalbaues
werden  auf  Ifts  Million  Pfund  Sterling  veranschlagt.
Die  günstigen  Verhältnisse,  welche  für  Nordamerika  die  Küstengliederung  des
Atlantischen  Ozeans,  die  weitgestreckten  Stromsysteme  und  die  großen  Landseebecken  gewähren, ­
  wurden  von  den  Eingewanderten  bald  erkannt.  Washington,  „der  Vater  des
Vaterlandes",  und  De  Witt  Clinton  waren  eifrige  Beförderer  der  New  Aorker  Kanalbauten. ­
  Bereits  im  vorigen  Jahrhundert  wurde  der  Ausführung  des  Planes,  die  ozeanische
Küste  mit  den  Hauptflüssen  und  den  Landseeu  durch  künstliche  Wasserstraßen  zu  verbinden,
näher  getreten.  Zahlreiche  Kanäle  entstanden,  bis  in  den  50er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts ­
  eine  Stockung  in  deren  Bau  eintrat.  Man  begann  um  die  Mitte  dieses  Jahrhunderts ­
  der  Regulierung  der  großen  mächtigen  Ströme  besondere  Beachtung  zuzuwenden
und  für  diese  Arbeiten  große  Summen  aufzuwenden.  Seit  1865  steht  die  Leitung  der
Arbeiten  dem  „Anny  and  Navy  Departement“  zu,  an  dessen  Spitze  der  „Chief  of
Engineers  of  United  States“  steht.
Für  die  Großindustrie  und  die  Landwirtschaft  kommt  in  erster  Linie  das  ausgedehnte
Kanalnetz  in  Betracht,  durch  welches  der  nordöstliche  Teil  des  Unionsgebietes  aufgeschlossen
worden  ist.  Mosler  unterscheidet  in  seiner  Abhandlung  über  die  Wasserstraßen  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  die  folgenden  Kanalsysteme:  1.  das  Kanalsystem  des
Staates  New  Jork,  welches  den  Erie-,  Ontario-  und  Champlainsee  mit  dem  Hudson  und
durch  diesen  mit  New  Jork  verbindet;  2.  die  von  dem  Anthracitdistrikt  Pcnnsylvaniens
geführten  Einzelkanäle;  3.  die  den  Ohio  und  den  oberen  Mississippi  mit  dem  Erie-  und
            
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