fullscreen: Gesellschaftslehre

Die kulturelle Gruppe: Volk, Stamm und Nation. 
hier bahnbrechend gewirkt: zum erstenmal in ihrem Gefolge bekundet 
sich der Machtwille einer ganzen Nation nach außen hin. 
Wesentlich für die Nationen sind nicht mehr die persönlichen Be- 
ziehungen. In dieser Hinsicht überwiegt vielmehr bei weitem die gegen- 
seitige Fremdheit, wenigstens in den Städten. Persönliche Beziehungen 
bestehen überwiegend hier nur noch in kleinen Teilgruppen, sind der 
bloßen Möglichkeit nach abgesehen von ihrer Erschwerung durch die 
sozialen Unterschiede freilich noch überall vorhanden, was unter Um- 
ständen, z. B. beim Aufenthalt im Ausland, sehr wichtig sein kann. Die 
Gruppengemeinschaft ist hier also abstrakter statt persönlicher Natur 
($ 19,3). Ermöglicht wird sie auf Grundlage der gleichen Kultur durch 
den wirtschaftlichen und geistigen Verkehr, der alles verknüpft. Für 
ihren Inhalt wesentlich ist der Stolz auf die gemeinsame Kultur, d. h. auf 
die nationale Art und die in ihren geistigen Erzeugnissen enthaltenen gei- 
stigen Werte sowie auf deren Geschichte (deren Inhalt daher öfter mehr 
oder weniger bewußt gefälscht wird!), und der Wille, diese Kultur zu 
pflegen, zu behaupten und zur Geltung zu bringen. Man denke an die 
Sprachkämpfe als eine der stärksten Bekundungen des nationalen Macht- 
willens. Dieser ist begrifflich wohl zu unterscheiden von dem sachlich 
eng verwandten politischen Machtwillen, der sich seinem Begriff nach 
nicht auf die Herrschaft der Kultur, sondern auf die Herrschaft des Staa- 
tes bezieht, tatsächlich aber von dem Stolz auf die Kultur wesentlich mit- 
bestimmt wird. In beiden Fällen handelt es sich um den kollektiven 
Lebensdrang, dessen Inhalt in erster Linie biologischer und erst in 
zweiter Linie auch geistiger Art ist ($ 31„). — Grundlage der Ge- 
meinschaft ist natürlich auch hier nicht das Blut (man denke an die vie- 
len Mischungen), sondern die Kultur. Wenn man häufig die Sprache 
als Grundlage der Nation hinstellt, so greift man aus dem Ganzen einen 
freilich wesentlichen und charakteristischen Teil heraus, der sich als 
Kennzeichen gut verwerten läßt. Wir erinnerten in dieser Beziehung 
eben selbst schon an die Sprachkämpfe. — 
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Die nationale Gemeinschaft ist nur auf höheren Kulturstufen möglich, weil sie 
eine bewußte Bejahung geistiger Werte voraussegt. Je nach der Höhe ihrer Kultur 
kann man unterscheiden Nationen und Nationalitäten. Die legteren, im Osten Europas 
heimisch, haben keine nationale Schriftsprache, keine nationale höhere Literatur und 
Kunst hervorgebracht, haben aber mit den echten Nationen den Drang gemeinsam sich 
kulturell durchzusegen. — Den Unterschied zwischen Stamm und Nation können wir nach 
dem Gesagten auch bezeichnen als einen Unterschied in den Grundlagen der Gemein- 
schaft: bei der Nation ist diese Grundlage die Kultur als ein Inbegriff von Wert- 
verkörperungen, bei dem Stamm die Kultur als Grundlage des ge- 
1) K arl Rothenbücher, Über das Wesen des Geschichtlichen, Tübingen 
L926. S. 40.
	        
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