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Entwickelung des Straßenbaues in der Neuzeit.
In Europa blieben bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus die Wege
verhältnisse iui allgemeinen sehr traurige. In Brabant und Flandern ging man zuerst
damit vor, dem Wegekörper eine feste Beschaffenheit zu geben. In Deutschland erwies sich
die Kleinstaaterei erklärlicherweise als ein sehr hemmendes Element in der Förderung eines
durchgehenden einheitlichen Wegenetzes, welche Bestrebungen in Frankreich, begünstigt
durch die Zentralisation der Staatsgewalt, neben welcher die Verwaltung der einzelnen
Staatsgebiete bis zur Revolution eine sehr dezentralisierte war, einen viel günstigeren
Erfolg aufwiesen. Der erste französische kunstgemäße Straßenbau kam im Jahre 15b6
zur Ausführung, ohne jedoch zunächst weitere Anlagen dieser Art nach sich zu ziehen.
Der Wegekörper der genannten Straße ward in einer Breite von 2,5 Toisen = 4,87 m
aus Steinmaterial hergestellt, die Seitenflächen blieben in ihrem losen Naturzustand.
Die unablässig erlassenen Mandate der Könige bewirkten wenigstens so viel, daß das
Land mit einem zusammenhängenden Netz von Straßen und den erforderlichen Brücken
überzogen wurde. Im Jahre 1576 wurde die Benutzung der Post, die bis dahin aus
schließlich staatlichen Zwecken diente, den Privatpersonen freigegeben, 1605 wurde diese
privatseitige Benutzung auch auf die Beförderung von Personen und Gepäckstücken aus
gedehnt. Die Beschaffenheit der Straßeuoberfläche war jedoch noch während langer Zeit
eine ziemlich primitive, und der Hauptuuierschied zwischen den sogenannten „grands
cliemins“ uni) den Straßen untergeordneter Bedeutung bestand lediglich in der verschiedenen
Breiteuabmessung. Erst mit dem 17. Jahrhundert begann eine merkliche, jedoch sehr
langsame Besserung. Heinrich IV.
(1589 bis 1610) übertrug seinem
Minister Sully das Amt eines Ober
aufsehers über alle Straßen. Sully
schlug dem König vor, jährlich eine
gewisse Summe auf die Wege zn
verwenden. Im Jahre 1 600 wurden 28. Franköstschrr KtraHeimnterbair.
für diesen Zweck 18 000 Frank aus
geworfen, 1606 betrug die Summe bereits 3 Millionen. Colbert führte das von
Sully Begonnene weiter. Nicht selten wurden besondere Maßregeln ergriffen, so bei
dem Bau der Straße von Paris nach Orleans, einer der ersten gepflasterten Straßen
Frankreichs. Der Bau begann 1675, die Fuhrleute, welche gewöhnlich Wein von
Orleans nach Paris brachten und leer zurückfuhren, mußten Sand und Pflastersteine
auf ihre Karren laden und sie nach der Stelle bringen, an welcher an dem Wege gebaut
wurde. Die Mehrzahl der Wege blieb jedoch auch jetzt noch in einem wenig befriedigenden
Zustande, an dem die Unterhaltungsweise der Straßen durch Frondienste einen nicht ge
ringen Anteil hatte. Sämtliche Landbewohner von 16 bis 65 Jahren mußten 20, 30,
in manchen Gegenden 40 Tage im Jahre unentgeltlich an der Herstellung der Straßen
arbeiten, und die nächstgelegenen Gemeinden mußten die Arbeiter verpflegen. Als die
Verarmung der Landbewohner zu sehr zunahm, wurde endlich im Februar 1776 der
Frondienst abgeschafft und an dessen Stelle eine allgemeine Geldsteuer eingeführt.
In Deutschland war seit 1516 eine Posteiurichtung vorhanden, die Franz von Taxis
übernommen hatte. Die von den Posten benutzten Straßen erhielten den übrigen
gegenüber eine erhöhte Bedeutung, und ihrer Beschaffenheit mußte naturgemäß eine
weitergehende Beachtung wie früher zugewandt werden, doch war diese Pflege zunächst
noch eine sehr wenig weitreichende. Der übliche Einwurf von Reisig und Steinen in
etwaige Vertiefungen bezeugt zur Genüge den tiefen Stand der Straßcubantechuik. Ter
Dreißigjährige Krieg wirkte in dieser Beziehung sehr nachteilig, und so ist es zu erklären,
daß erst seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Wandlung zum Guten zu
bemerken ist.
Zu diesem Zeitpunkte begann man in Europa erst wieder mit dem Ausbaue besteiuter
Straßen außerhalb der Städte, und zwar ging die Anregung von Fürsten aus, welche
in der Nähe ihrer Hauptstädte breite Wege mit schmalen Steinbahneu und stattlichen
Banmreihen herstellen ließen. Für den Straßenunterbau kam zunächst namentlich die