Weitere musikalische und literarische Ubergänge. 357
Reale, Gegenständliche. Mit Ausschreitungen des Gefühls und
der Empfindung setzte die neue Zeit ein. Wie hätte sich ihr
da irgendwelche Satire erschließen können? Und auch das
Drama, so wie es Johann Elias Schlegel im Anschlusse an die
Vergangenheit und im Hinblicke auf die Zukunft gepflegt hatte,
fügte sich grade dieser Stimmung nicht. Es hatte den Zug
zum Großen, Erhabenen, wie ihn die Alten gehabt hatten;
Schicksale der Könige waren Hauptstoffe der Tragödie. Der
neue Geist aber, wie er zunächst sentimental auftrat, hatte zu
den Empfindungen, die auf diesem Gebiete vor allem rege gemacht
werden konnten, keine Beziehung: er ging aufs Übergemütvolle
und fand seinen ersten ganz entsprechenden Ausdruck in dem
bald erstehenden bürgerlich-sentimentalen Rührstück, etwa in
Lessings „Miß Sara Sampson“.
Und so näherten sich denn Satire und Drama in der
Leipziger Schule nach Gottsched wohl aufs allerengste dem
neuen Zeitalter, aber sie eröffneten es nicht. Nach Lage der
Dinge konnte das nur durch einen ungeheuren Aufschwung der
Lyrik ins Pathetisch-Sentimentale geschehen; und dieser wurde
herbeigeführt, indem die lyrischen Elemente der Empfindsamkeit
einem heroischen Stoff einverleibt wurden: in dieser Verbindung
liegt das Geheimnis der Wirkung, das von der Messiade
Klopstocks ausging.
Aber dem unmittelbaren und vollständigen Übergange auf
den Boden der neuen Dichtung stand auch noch etwas Weiteres
entgegen: der Charakter des aristokratischen Bürgertums der
Handelsgroßstädte, das bisher vornehmlich die soziale Basis der
literarischen Entwicklung gebildet hatte. Weder Klopstock noch
Lessing noch Schiller noch auch Goethe, nachdem er aus seiner
Heimat hinwegverpflanzt worden war, haben mit diesen Kreisen
noch stärkere Fühlung gehabt, und ebensowenig hatten dies die
eigentlichen Vorläufer der neuen Dichtung, Günther und Haller.
Wie sehr aber die alten sozialen Zusammenhänge, wie sie vor
allem in Leipzig bestanden, den Dichter auch im alten Kreise
der Dichtung festhielten, das zeigt nichts besser als das Schicksal
Gellerts.