61
Der Straßenbau: Alpenstraßen.
10. Jahrhundert begann sich der Straßenban hier wieder ganz allmählich zu regen. Durch
die Wallfahrten nach bestimmten Gnadenorten und namentlich durch die Pilgerfahrten
und Kreuzzüge erlangten die Verkehrswege in den Alpenregionen wieder eine größere
Bedeutung. Außerordentlich zahlreich sind die an die Alpenstraßen und an die Tiroler
Pässe sich anknüpfenden Erinnerungen. Auf diesen Bergübergängen zog eine große Zahl
deutscher Fürsten nach Italien; Pipin überschritt die Alpen, um dem Papst Stephan III.
zu Hilfe zu eilen, Karl der Große brachte die Kaiserkrone mit, als er in die Lombardei
eingefallen war und das Römische Reich Deutscher Nation begründet hatte. In einem
Dorfe an der Fernstraße starb Lothar der Sachse, als er nach Wiederherstellung des kaiser
lichen Ansehens aus Italien heimkehrte. Kaiser Ludwig der Bayer zog diesen Weg, und
Konradin schlug die gleiche Straße ein, als er nach Neapel reiste, um in dem „Lande
der Sehnsucht" unter dem Beile sein Leben auszuhauchen. Tausende jener Ritter, die
das Kreuz genommen hatten, zogen unter Bonifaz von Montferrat über den Mont Cenis
und unter Balduin von Flandern über die Tiroler Pässe nach Venedig. Jahrhunderte
später fanden an diesen die Kämpfe eines mutigen Volkes gegen den gewaltigen Unter
drücker der europäischen Nationen statt.
Bis zum Beginn unseres Jahrhunderts blieben die Alpenstraßen durchgängig in
einer schlechten Beschaffenheit. Nur die Fernstraße wurde schon im 16. Jahrhundert in
fahrbaren Zustand versetzt. Für die großen Armeebewegungen über die Alpen mußten
ganz außerordentliche Hilfsmittel angewandt werden. Im Mittelalter wurde der Fracht
verkehr fast ausschließlich durch Saumtiere beschafft. Es galt als ein gewagtes Unter
nehmen, die Alpen anders als mit Maultieren oder Saumrossen zu überschreiten. Die
Unterhaltung der Bergpässe war sehr mangelhaft. Sie wurde von den Anwohnern
kümmerlich besorgt und geschah meistens als Gegenleistung für kaiserliche Privilegien.
An den großen mittelalterlichen Hauptstraßen entwickelte sich ein ganzes System von Geleits
rechten, Zöllen, Fürleitrechten, Wegerechten, Lad- und Abladrechten und Suchtenrechten.
In Graubünden gelangten diese Rechte in den Besitz von sogenannten Portens-
Gemeinden, welche das ausschließliche Recht des Transportes von Waren und Reisenden
in Anspruch nahmen und dafür die Straßenunterhaltung besorgten. Abb. 29 zeigt
eine Partie der von Thusis längs der Albula nach Tiefenkasten führenden Kunst
straße dieses Kantons und zwar die Solysbrücke über die Albula am Schynpaß.
Am Albulapasse wurde im Jahre 1696 über dem Bergünerstein ein Stück Straße
in den Felsen gesprengt, welche Arbeit deshalb besonders bemerkenswert ist, weil bei
diesem Anlasse zum erstenmal das Pulver zum Sprengen beim Straßenbau ver
wandt wurde.
Seit dem Jahre 1797 wendete General Bonaparte dem Simplon seine ganz be
sondere Aufmerksamkeit zu. Die Ausführung dieser ersten modernen Kunststraße über die
schweizerischen Bergpässe wurde am 7. September 1800 von Frankreich, Italien und Wallis
als gemeinsames Werk beschlossen. Wallis beteiligte sich an diesem Unternehmen durch
die Übernahme von Frondiensten. Die Kosten der 182 km langen Strecke vom Genfer
See bis an den Lago maggiore wurden zu 12 116 000 Frank veranschlagt. Bereits
im Jahre 1805 konnte das Werk seiner Bestimmung übergeben werden. Während fünf
Sommer waren 5000 Arbeiter mit dem Bau beschäftigt, 611 größere und kleinere Brücken
und 525 m Tunnel Ivurden ausgeführt. Die Simplonstraße ist die schönste und kostbarste
aller schweizerischen Alpenstraßen, und das Andenken ihres Entwerfers, des Divisions-
Inspektors Ceard, verdient erhalten zu bleiben. Der höchste Punkt der Straße liegt
2010 m über dem Meere.
Ein Erfordernis all jener Straßen, welche die Schneeregion erreichen oder Schnee
stürzen (Lawinen) ausgesetzt sind, ist die Erbauung von Galerien. Diese Galerien werden
entweder in die Felsen gesprengt oder gemauert (Abb. 31), vielfach zeigen dieselben beide
Bauweisen. In gewissen Abständen werden in der freiliegenden Galeriewand Öffnungen,
Fenster, hergestellt, um dem Gange Licht zuzuführen. Die gleiche Konstruktion zeigt die
jährlich von Tausenden Touristen benutzte, am Vierwaldstätter See entlang führende
Axenstraße, von welcher Abb. 30 einen der bekanntesten Teile wiedergibt.