829
Der Weltpostverein. Postverkehr Europas.
kommen, von dem schon oben (Seite 59) die Rede gewesen ist. Durch denselben Kongreß
wurden Erleichterungen in der Versendung von Warenproben und Drucksachen, sowie im
Postanweisungsverkehr beschlossen und die Errichtung einer Zentral-Abrechnungsstelle
bei dem internationalen Bureau des Weltpostvereins genehmigt. Der neueste Weltpostkongreß
zu Washington, der im Mai 1897 eröffnet wurde, hat sich mit der
Einführung von Verbesserungen im Briefpostverkehr, sowie im Postanweisungs- und
Paketpostdienste beschäftigt. Der nächste Postkongreß soll in Rom stattfinden. So macht
die Ausbildung des inneren Vereiusorganismus immer weitere Fortschritte, während zugleich
das Bereinsgebiet durch den Hinzutritt neuer Länder von Jahr zu Jahr sich vergrößert.
Vergleichende Betrachtungen über die Leistungen der Posten in den
größeren europäischen Ländern. Nach dem allbekannten Ausspruche Liebigs ist
der größere oder geringere Verbrauch der Seife bei verschiedenen Nationen als ein Gradmesser
für die Kultur der letzteren anzusehen. Mit gleichem Rechte kann aber auch der
Briefverkehr als Maßstab der Bildungshöhe gelten, da derselbe in erster Linie
von der Allgemeinheit der Verbreitung der elementarsten Schulkenntnisse abhängt. Wenn
wir daher in Nachstehendem die Staaten nach der Zahl der Briefe und Postkarten
ordnen, welche auf jeden Kopf der Bevölkerung durchschnittlich kommen, so gibt das
eine Art Zensurentabelle für die Bildung der betreffenden Nationen, aber auch für den
Grad der Entwickelung der betreffenden Posteinrichtungen, da nur bei bequemen Einrichtungen
und billigen Taxen die Fähigkeit, Briefe zu schreiben, sich in höherem Grade
bethätigen kann. Die Zahlen beziehen sich für die meisten Staaten auf das Jahr 1898.
Für einige Staaten sind die jüngsten bekannten Zahlen gegeben.
Großbritannien . . .
. . . 59,4
Schweiz
. . . 50,0
Deutschland ....
. . . 37,4
Dänemark
. . . 30,9
Österreich
. . . 29,7
Belgien
. . . 26,3
Niederlande
Frankreich
. . . 21,8
Luxemburg
. . . 21,o
Norwegen
. . . 17,5
Schweden
. . . 15,6
Ungarn
. . . 12,o
Italien
... 8,4
Spanien
... 6,8
Portugal
... 6,4
Rumänien ....
Bulgarien ....
... 4,7
Serbien
. . . 3,1.
Rußland
... 2,9
Griechenland . . .
... 2,8
Türkei
Diese Zensurentabelle gilt jedoch nicht ohne weiteres. Sie will vielmehr mit gewissen
Einschränkungen angewendet sein.
Wenn man den bedeutend größeren Briefverkehr in Großbritannien mit dem
deutschen vergleicht, so findet der erstere allerdings seine Erklärung zunächst in der ungemein
entwickelten Fabrik- und Handelsthätigkeit dieses Landes und der Zusammenziehung
der Bevölkerung in zahlreichen großen Städten. Es ist dabei aber in Betracht
zu ziehen, daß bei der obiger Berechnung zu Grunde gelegten Anzahl der Briefsendungen
für das deutsche Postgebiet der Vergleichbarkeit wegen weder Geldbriefe, noch Postaufträge,
noch Paketsenbungen und Postanweisungen berücksichtigt sind. Erfahrungsgemäß
wird aber in Deutschland fast jedes durch die Post versandte Paket und jeder Geldbrief
zu brieflichen Mitteilungen benutzt und stellt mithin zugleich einen Brief dar. Dasselbe
gilt von den Postanweisungen und Postaufträgen. Der englischen Post sind dagegen
Geldbriefe und Postaufträge ganz fremd; ferner ist das Postanweisungsverfahren bei derselben
in der Weise geordnet, daß der Absender einen Abschnitt der Postanweisung,
welcher ihm von der Annahmepostanstalt ausgehändigt wird, mittels Briefs dem Empfänger
zu übersenden hat, die Zahl der Postanweisungen also in der zur Berechnung
gezogenen Summe der Briefe mit enthalten ist; endlich bleibt die Zahl der Paketsendungen
in England hinter derjenigen von Deutschland um 90 Millionen Stück zurück.
Zieht man diese Umstände in Berücksichtigung, so kommt die Brieffrequeuz in Deutschland
derjenigen in England nahezu gleich.