Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Einleitung.  77
Durchbildung  geführt  worden)  (vergl.  den  Abschnitt  „Lokomotiven").  Eine  besondere
Stellung  in  dieser  langen  Erfinderkette  nimmt  G.  Stephenson  ein,  dem  es  1829
durch  Befolgung  des  Ratschlags  eines  Nichttechnikers  (Booth)  gelang,  diejenige  Kesselart ­
  der  Lokomotive  einzufügen,  durch  welche  diese  für  gesteigerte  Verkehrsansprüche
lebensfähig  wurde.  Neben  Stephenson  war  T.  Hackworth  ein  Hauptförderer  der  Lokomotive ­
  damaliger  Zeit.  Daran  schließt  sich  eine  weitere  Schar  von  Ingenieuren  aller
Länder,  die  Verbesserungen  und  Abänderungen  der  Lokomotive  und  ihrer  Einzelteile  anstreben, ­
  sie  den  verschiedensten  Betriebsverhältnissen  anzupassen  sich  bemühen  und  namentlich ­
  auch  ihre  Leistungsfähigkeit  unter  Wahrung  des  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes  zu
heben  suchen.
Hand  in  Hand  damit  ging  gleichzeitig  auch  die  Ausbildung  der  Fahrbahn  vor  sich.
Auch  sie  hat  von  den  ersten  eisenbelegten  Holzbahnen  an  bis  zu  den  heutigen  schweren
Oberbau-Anordnungen  eine  lange,  vielgestaltige  Entwickelungsreihe  zp  verzeichnen.  Lokomotivrad
  und  Gleis  stehen  in  innigster  Wechselbeziehung  zu  einander  und  gehören  nach
einem  Ansspruche  Stephensons  zusammen  wie  Mann  und  Frau.  Als  „Dritter  im  Bunde"
gesellte  sich  dann  schließlich  die  Telegraphie  hinzu,  um  als  unübertroffene,  schnellfüßige
Dienerin  die  Zeichengabe  auszuüben,  durch  die  dem  rasch  dahinsausenden  Dampfroß  der
Weg  frei  gehalten  wird.
Doch  kehren  wir  zur  Werdezeit  der  Eisenbahnen  zurück.
G.  Stephensons  Sieg  über  seine  drei  Mitbewerber  in  dem  denkwürdigen  Wettstreit
—  „tlie  battle  of  locomotives“  —  auf  der  Ebene  von  Rainhill  am  6.  Oktober  1829
(vergl.  S.  200)  machten  ihn  gleichsam  zum  Vater  der  Eisenbahnen,  um  so  mehr,  als  ihm
die  schwierige  Aufgabe  gelang,  die  Bahnstrecke  von  Manchester  nach  Liverpool  mit  ihrem
tiefen  Felseinschnitte  (Abb.  206),  langen  Tunnel  und  ihrer  breiten  Moordurchguerung
ohne  Vorbilder  für  diese  völlig  neuen  Bauarbeiten  fertigzustellen.  Ihm  glückte  das  für
die  damalige  Zeit  gewaltige  Werk  durch  seine  Thatkraft  und  Ausdauer,  durch  seinen
Glauben  an  sein  Können  und  an  sich  selbst,  wodurch  er  auch  alle  die  sonstigen  Widerwärtigkeiten ­
  und  Schwierigkeiten  besiegte,  die  ihm  Vorurteile  und  Kurzsichtigkeit  so  vieler  seiner
Landsleute  vom  adligen  Großgrundbesitzer  bis  zum  Fuhrknecht  herab  bereiteten.  Alle
diese  Leute  glaubten  sich  damals  in  ihrem  Vermögen  oder  in  ihrem  Einkommen  durch
die  Dampfbahn  bedroht  und  geschädigt.  Später  freilich  änderte  sich  auch  dieses  Bild,  und
Stephenson  wurde  als  Wohlthäter  gepriesen.
Am  15.  September  1830  fand  die  Eröffnung  vorgenannter  Bahn  statt,  und  zum
erstenmal  wurden  Personenzüge  mit  einer  derzeit  beträchtlichen  Fahrgeschwindigkeit  durch
Dampflokomotiven  befördert.  G.  Stephenson  selbst  führte  die  Lokomotive  des  ersten  Zuges
(vergl.  Abschnitt  „Lokomotiven").  Bewundernd  blickte  England  auf  dieses  Werk  und  seinen
Schöpfer;  staunend  vernahm  die  Welt  die  Leistungen  des  Dampfrosses.  Von  da  an  hielt
das  letztere  —  anfangs  langsam,  später  immer  schneller  und  ausgedehnter  —  seinen
Siegeszug  durch  alle  zivilisierten  Länder,  um  heute,  nach  70  Jahren,  seinerseits  die  Errungenschaften ­
  moderner  Kultur  durch  die  dunkelsten  Länder  zu  tragen.  Gegenwärtig
ist  Rußland  im  Begriff,  seine  große,  die  asiatischen  Steppen  durchquerende  transsibirische
Bahn  nach  Port  Arthur  und  Wladiwostock  zu  vollenden,  wodurch  ein  ununterbrochener
Schienenweg  von  der  Westküste  Europas  bis  zur  Ostküste  Asiens  geschaffen  wird.
Deutsche,  Engländer,  Franzosen  senden  vom  Stillen  Ozean  aus  die  Eisenspur  nach  dem
Inneren  Chinas,  um  der  heimischen  Industrie  die  notwendigen  neuen  Absatzgebiete  zu
verschaffen.  In  Afrika  herrscht  nicht  minder  ein  wahres  Wettlaufen  im  Eisenbahnbau.
Von  der  West-  nach  der  Ostküste  planen  und  bauen  die  Völker  für  das  Dampfroß  den
Weg,  der  sich  bereits  vom  Norden  her  tief  in  den  Sudan  und  vom  Fuß  des  Tafelbergs
bis  hoch  nach  Betschnanaland  hinein  erstreckt.  Die  Bahn  „vom  Kap  bis  Kairo"  wird  bald
kein  Traum  mehr  sein.
            
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