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Festländische Weltlinieu.
Zeit bildet; denn sie liefert uns ein Beispiel von der bedeutsamen Wahrnehmung, daß
der Telegraph nicht allein den Verkehr zwischen zivilisierten Ländern vermittelt, sondern
auch selbst zum Pionier der Kultur wird, welcher der geographischen Forschung die Wege
bahnt. Bei der erwähnten Drahtführung durch Amerika ist die energische Überwindung
der gewaltigen Schwierigkeiten auf jenen weiten Strecken, namentlich durch Nordamerika,
wahrhaft bewundernswert. Bald ging dort die Linie durch Hunderte von Meilen in
pfadlosen Wildnissen, die bis dahin, von keinem zivilisierten Menschen besiedelt, noch
zum Jagdgebiete der Indianer gehörten, bald durch öde, ganz baumlose Steppen, zu
denen das Holz für die Telegraphenstangen oft meilenweit herbeizuschaffen war. Bei
Ausführung dieser Linie hatte sich übrigens von neuem der eigentümliche Zauber bewährt,
welchen die Telegraphenleitungen überall, selbst auf die wildesten Völkerschaften ausüben,
die sich nur sehr selten an den stummen Bahnen des Gedankenverkehrs vergreifen. Natür
lich trug auch das freundliche Entgegenkommen der Unternehmer gegen die Indianer viel-
dazu bei, so daß sich ausdrücklich mehrere Häuptlinge für die Sicherheit der Stangen und
Drähte verbürgten. Unter anderem schickte noch während der Vollendung der langen Linie,
im Jahre 1861, das Oberhaupt der Schlangenindianer folgende Botschaft nach San
Francisco: „Im Postwagen habe ich Carpentier gesehen, den großen Chef der Tele
graphen; ich habe ihm die Hand gedrückt, denn ich liebe ihn und den Telegraphen.
Meine Indianer, deren ich 5000 habe, werden den Telegraphen nicht zerstören. In
sechs Wochen werde ich nach San Francisco kommen, um die Dampfschiffe und das
große Meer zu sehen; alle Männer des Telegraphen behandeln mich gut." — Da die
amerikanische Linie sich im Osten nordwärts durch Neubraunschweig, Neuschottland bis
St. John, also an die äußerste Ostspitze von Neufundland fortsetzt, so überschreitet sie
bei einer Länge von 865 deutschen Meilen im ganzen 70 Längengrade. Auf überzeugende
Weise ward hier der Beweis geliefert, wie viel schneller der elektrische Strom dahineilt
als die flüchtige Zeit, denn eine in St. John um Mittag 12 Uhr aufgegebene Depesche
trifft in San Francisco zwischen 8 bis 9 Uhr morgens nach dortiger Zeit ein. Mit
Hilfe des elektrischen Telegraphen haben wir Raum und Zeit überholt, ja die Sonne in
ihrem Laufe überflügelt. Au den großen festländischen Linien sowie den atlantischen
Kabeln besitzen wir gegenwärtig eine zusammenhängende Telegraphenverbindung von
Britisch-Columbia an der Ostküste des Großen Ozeans durch Nordamerika, den Atlan
tischen Ozean, Europa und Asien bis nach Hinterindien, und von dieser Linie zweigt sich
eine andere Weltlinie ab, welche durch russisches Gebiet die Westküste des Großen Ozeans
erreicht und deren Fortsetzung binnen wenigen Jahren die telegraphische Kette um die
Erde ebenfalls schließen wird.
Heutige Ausdehnung der Welttelegraphie. Hiernach schreitet die Welt
telegraphie, d. h. die vollständige elektrische Umspannung der Erde, welche den geistigen
Verkehr zwischen allen Punkten unseres irdischen Kulturlebens mit der Geschwindigkeit
des Gedankens ermöglicht, immer mehr ihrer Vollendung zu, und bald werden auch die
isolierten Telegraphennetze, die in den einzelnen Ländern, Staatengruppen und Weltteilen
entweder schon bestehen oder noch geplant sind, derart untereinander verbunden sein, daß
von jeder beliebigen Telegraphenstation auf dem Erdball nach jeder anderen der tele
graphische Verkehr ohne Unterbrechung vor sich gehen kann. Wie viele Enttäuschungen
mußten aber erst durchgemacht, wie viele Erfahrungen gewonnen werden, ehe diese
Erfolge erreicht werden konnten! Es ist nicht der zufällige oder glückliche Gedanke eines
einzelnen, nicht das Verdienst oder der Ruhm eines einzigen Mannes, sondern es ist,
wie bei allen großen und weitgehenden Erfindungen, die in das ganze Leben der Mensch
heit umgestaltend eingreifen, die emsige, durch lauge Jahre fortgesetzte Arbeit einer
großen Zahl ausgezeichneter Geister und das vollbewußte Ringen vieler tüchtiger Kräfte
mit allen Schwierigkeiten der Naturkraft und Menschenschwäche, wodurch das große Ziel,
welches schon vor hundert Jahren ein wissenschaftlicher Sinn vorausschaute, nunmehr
seiner endlichen Vollendung nahe gekommen ist. Bei alledem ist jedoch keine Erfindung,
was ihre praktische Verwertung betrifft, so schnell in sich vervollkommnet worden und so
rapide über die ganze Erde gegangen, wie das Verkehrsmittel der elektrischen Telegraphie.