Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

839

Festländische  Weltlinieu.

Zeit  bildet;  denn  sie  liefert  uns  ein  Beispiel  von  der  bedeutsamen  Wahrnehmung,  daß
der  Telegraph  nicht  allein  den  Verkehr  zwischen  zivilisierten  Ländern  vermittelt,  sondern
auch  selbst  zum  Pionier  der  Kultur  wird,  welcher  der  geographischen  Forschung  die  Wege
bahnt.  Bei  der  erwähnten  Drahtführung  durch  Amerika  ist  die  energische  Überwindung
der  gewaltigen  Schwierigkeiten  auf  jenen  weiten  Strecken,  namentlich  durch  Nordamerika,
wahrhaft  bewundernswert.  Bald  ging  dort  die  Linie  durch  Hunderte  von  Meilen  in
pfadlosen  Wildnissen,  die  bis  dahin,  von  keinem  zivilisierten  Menschen  besiedelt,  noch
zum  Jagdgebiete  der  Indianer  gehörten,  bald  durch  öde,  ganz  baumlose  Steppen,  zu
denen  das  Holz  für  die  Telegraphenstangen  oft  meilenweit  herbeizuschaffen  war.  Bei
Ausführung  dieser  Linie  hatte  sich  übrigens  von  neuem  der  eigentümliche  Zauber  bewährt,
welchen  die  Telegraphenleitungen  überall,  selbst  auf  die  wildesten  Völkerschaften  ausüben,
die  sich  nur  sehr  selten  an  den  stummen  Bahnen  des  Gedankenverkehrs  vergreifen.  Natürlich ­
  trug  auch  das  freundliche  Entgegenkommen  der  Unternehmer  gegen  die  Indianer  vieldazu
  bei,  so  daß  sich  ausdrücklich  mehrere  Häuptlinge  für  die  Sicherheit  der  Stangen  und
Drähte  verbürgten.  Unter  anderem  schickte  noch  während  der  Vollendung  der  langen  Linie,
im  Jahre  1861,  das  Oberhaupt  der  Schlangenindianer  folgende  Botschaft  nach  San
Francisco:  „Im  Postwagen  habe  ich  Carpentier  gesehen,  den  großen  Chef  der  Telegraphen; ­
  ich  habe  ihm  die  Hand  gedrückt,  denn  ich  liebe  ihn  und  den  Telegraphen.
Meine  Indianer,  deren  ich  5000  habe,  werden  den  Telegraphen  nicht  zerstören.  In
sechs  Wochen  werde  ich  nach  San  Francisco  kommen,  um  die  Dampfschiffe  und  das
große  Meer  zu  sehen;  alle  Männer  des  Telegraphen  behandeln  mich  gut."  —  Da  die
amerikanische  Linie  sich  im  Osten  nordwärts  durch  Neubraunschweig,  Neuschottland  bis
St.  John,  also  an  die  äußerste  Ostspitze  von  Neufundland  fortsetzt,  so  überschreitet  sie
bei  einer  Länge  von  865  deutschen  Meilen  im  ganzen  70  Längengrade.  Auf  überzeugende
Weise  ward  hier  der  Beweis  geliefert,  wie  viel  schneller  der  elektrische  Strom  dahineilt
als  die  flüchtige  Zeit,  denn  eine  in  St.  John  um  Mittag  12  Uhr  aufgegebene  Depesche
trifft  in  San  Francisco  zwischen  8  bis  9  Uhr  morgens  nach  dortiger  Zeit  ein.  Mit
Hilfe  des  elektrischen  Telegraphen  haben  wir  Raum  und  Zeit  überholt,  ja  die  Sonne  in
ihrem  Laufe  überflügelt.  Au  den  großen  festländischen  Linien  sowie  den  atlantischen
Kabeln  besitzen  wir  gegenwärtig  eine  zusammenhängende  Telegraphenverbindung  von
Britisch-Columbia  an  der  Ostküste  des  Großen  Ozeans  durch  Nordamerika,  den  Atlantischen ­
  Ozean,  Europa  und  Asien  bis  nach  Hinterindien,  und  von  dieser  Linie  zweigt  sich
eine  andere  Weltlinie  ab,  welche  durch  russisches  Gebiet  die  Westküste  des  Großen  Ozeans
erreicht  und  deren  Fortsetzung  binnen  wenigen  Jahren  die  telegraphische  Kette  um  die
Erde  ebenfalls  schließen  wird.
Heutige  Ausdehnung  der  Welttelegraphie.  Hiernach  schreitet  die  Welttelegraphie, ­
  d.  h.  die  vollständige  elektrische  Umspannung  der  Erde,  welche  den  geistigen
Verkehr  zwischen  allen  Punkten  unseres  irdischen  Kulturlebens  mit  der  Geschwindigkeit
des  Gedankens  ermöglicht,  immer  mehr  ihrer  Vollendung  zu,  und  bald  werden  auch  die
isolierten  Telegraphennetze,  die  in  den  einzelnen  Ländern,  Staatengruppen  und  Weltteilen
entweder  schon  bestehen  oder  noch  geplant  sind,  derart  untereinander  verbunden  sein,  daß
von  jeder  beliebigen  Telegraphenstation  auf  dem  Erdball  nach  jeder  anderen  der  telegraphische ­
  Verkehr  ohne  Unterbrechung  vor  sich  gehen  kann.  Wie  viele  Enttäuschungen
mußten  aber  erst  durchgemacht,  wie  viele  Erfahrungen  gewonnen  werden,  ehe  diese
Erfolge  erreicht  werden  konnten!  Es  ist  nicht  der  zufällige  oder  glückliche  Gedanke  eines
einzelnen,  nicht  das  Verdienst  oder  der  Ruhm  eines  einzigen  Mannes,  sondern  es  ist,
wie  bei  allen  großen  und  weitgehenden  Erfindungen,  die  in  das  ganze  Leben  der  Menschheit ­
  umgestaltend  eingreifen,  die  emsige,  durch  lauge  Jahre  fortgesetzte  Arbeit  einer
großen  Zahl  ausgezeichneter  Geister  und  das  vollbewußte  Ringen  vieler  tüchtiger  Kräfte
mit  allen  Schwierigkeiten  der  Naturkraft  und  Menschenschwäche,  wodurch  das  große  Ziel,
welches  schon  vor  hundert  Jahren  ein  wissenschaftlicher  Sinn  vorausschaute,  nunmehr
seiner  endlichen  Vollendung  nahe  gekommen  ist.  Bei  alledem  ist  jedoch  keine  Erfindung,
was  ihre  praktische  Verwertung  betrifft,  so  schnell  in  sich  vervollkommnet  worden  und  so
rapide  über  die  ganze  Erde  gegangen,  wie  das  Verkehrsmittel  der  elektrischen  Telegraphie.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.