Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Die  Welttelegraphie.

Punkt  herangenaht,  auch  für  politische  Nachrichten  sein  System  nützlich  machen  zu  können,
indem  er  der  Presse  telegraphische  Mitteilungen  machte.
Viele  Schwierigkeiten  waren  zu  überwinden,  von  denen  eben  nicht  die  geringste  die
war,  daß  die  englischen  Journale  nur  ungern  alle  dieselben  Telegramme  veröffentlichen
wollten,  sondern  daß  jedes  seine  eigenen,  ihm  allein  angehörenden  Telegramme  zu  geben
wünschte.  Es  gelang  erst  nach  längerer  Zeit,  dieses  Vorurteil  zu  besiegen  und  die  Londoner ­
  Zeitungen  an  den  Gedanken  zu  gewöhnen,  daß  alle,  ohne  sich  etwas  zu  vergeben,
dieselben  telegraphischen  Berichte  veröffentlichen  könnten.  Jedoch  noch  vor  Beginn  des
italienischen  Feldzuges  sollte  schon  die  Aufmerksamkeit  der  öffentlichen  Meinung  auf
die  Reuterschen  Telegramme  gelenkt  werden,  und  zwar  waren  es  die  von  Napoleon  IIL
am  1.  Januar  1859  an  den  österreichischen  Gesandten  gerichteten  verhängnisvollen  Worte,
welche  das  Reutersche  Bureau  bekannt  machte.  Die  vorerwähnte  Ansprache  des  Kaisers
wurde  gegen  1  Uhr  mittags  in  den  Tuilerien  gehalten,  und  um  2  Uhr  —  also  nur
eine  Stunde  später  —-  war  das  Londoner  Publikum  damit  in  einer  dritten  Ausgabe  der
„Times",  unter  der  Aufschrift  „Reuters  Telegrams“,  bekannt  gemacht.  Nun  wollten
auch  die  Zeitungen  der  Provinz  nicht  länger  hinter  denen  Londons  zurückstehen,  und  so
wurden  auch  sie  Abnehmer  der  Reuterschen  Telegramme,  und  das  Interesse  der  Bevölkerung ­
  steigerte  sich  mit  jedem  Tage.
Vom  fernen  Osten  und  Westen,  wo  immer  sich  etwas  Wichtiges  ereignet,  berichtet
das  Reutersche  Bureau  auf  das  genaueste  uud  benutzt  hierzu  jeden  bestehenden  elektrischen ­
  Draht.  Wo  dieser  fehlt,  werden  alle  zu  Gebote  stehenden  Mittel  in  Anwendung
gebracht,  um  die  Übermittelung  der  Telegramme  zu  beflügeln.  Überall  sind  Korrespondenten ­
  angestellt,  die  jedes  wichtige  Ereignis  an  das  Hauptbureau  auf  das  schnellste  zu
melden  haben.  Dies  bezieht  sich  nicht  nur  auf  den  Kontinent,  wo  auf  allen  Hauptplätzen
das  Bureau  vertreten  ist;  auch  in  Afrika,  Asien  mit  Indien  und  China,  Australien,  ebenso
in  Amerika,  Brasilien,  Westindien  u.  s.  w.  hat  Reuter  Agenten  aufzuweisen,  so  daß  das
Publikum  von  allen  Weltteilen  aus  mit  Nachrichten  durch  den  Telegraphen  versehen
werden  kann.
Nach  dem  Vorgänge  Reuters  sind  dann  auch  verschiedene  Telegraphenbureaus  auf  dem
Kontinent  errichtet  worden,  welche  dem  Reuterschen  Unternehmen  zum  Teil  nicht  nachstehen.
Wir  erwähnen  nur  die  Agence  Havas  in  Paris  und  das  Wolfsche  Bureau  in  Berlin.
Entwickelung  des  Fernsprechwesens.  Wenngleich  die  Telegraphie,  wie  wir
gesehen  haben,  trotz  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens,  die  überraschendsten  Erfolge  aufzuweisen ­
  hat,  so  beziehen  sich  dieselben  im  allgemeinen  doch  nur  auf  den  Verkehr  der
größeren  und  weit  voneinander  entfernten  Orte,  während  die  Beförderung  von  Nachrichten ­
  durch  den  Telegraphen  zwischen  kleineren  oder  nahe  gelegenen  Orten  nicht  die
gleiche  Bedeutung  erlangt  hat.  Die  Entwickelung  der  Telegraphie  in  Bezug  auf  den
engeren  Verkehr  ist  einerseits  durch  die  Kostspieligkeit  der  technischen  Einrichtungen  der
Telegraphenanstalten,  anderseits  dadurch  behindert  worden,  daß  die  Bedienung  der  letzteren
neben  einem  gewissen  Grade  von  Intelligenz  nicht  unbedeutende  Vorkenntnisse  und  Vorübungen ­
  erfordert.  Erst  seit  dem  Bekanntwerden  des  Fernsprechers  ist  es  möglich  gewesen, ­
  nach  dieser  Richtung  hin  Abhilfe  zu  schaffen  und  auch  die  kleineren  Orte  mit
geringem  Verkehr  an  das  Welttelegraphennetz  anzuschließen.  Der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung ­
  gebührt  das  Verdienst,  diesen  Apparat  zuerst  für  die  Zwecke  der
Telegraphie  nutzbar  gemacht  zu  haben,  und  das  schnelle  Anwachsen  der  Telegraphenanlagen
mit  Fernsprechbetrieb  in  Deutschland  hat  gezeigt,  wie  sehr  durch  die  Einführung  des  Fernsprechers ­
  einem  vorhandenen  Bedürfnis  genügt  worden  ist.
Die  erste  Nachricht  von  der  Erfindung  des  Fernsprechers  durch  den  Amerikaner  Bell
kam  durch  die  Nummer  des  „8eientiüc  American"  vom  6.  Oktober  1877  nach  Berlin,
uud  der  damalige  Generalpostmeister  Stephan  erkannte  sofort  die  Wichtigkeit  dieses  Instruments ­
  für  den  öffentlichen  Verkehr.  Schon  in  den  Tagen  vom  25.  bis  31.  Oktober
wurden  teils  in  den  Geschäftsräumen  des  Generaltelegraphenamts,  teils  mit  benachbarten
und  entfernteren  Orten  eingehende  Sprechversuche  angestellt,  und  zwar  mit  Schöneberg
bei  Berlin  (6  km),  mit  Potsdam  (26  km),  mit  Brandenburg  (61  km).  Die  günstigen
            
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