Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Telegraphische  Bureaus.  Das  Fernsprcchwesen.  853

Ergebnisse  dieser  Versuche  führten  zunächst  zur  ersten  Fernsprechverbindung  zwischen  den
der  Reichspostverwaltung  gehörigen  Grundstücken  in  der  Leipzigerstraße  15  und  in  der
Französischen  Straße  33  in  Berlin  und  am  12.  November  zur  Errichtung  der  ersten
Telegraphenanstalt  mit  Fernsprechbetrieb  in  Friedrichsberg  bei  Berlin.  Der  nicht  unbedeutende ­
  telegraphische  Verkehr  dieses  Ortes  wickelte  sich  mit  den  zu  jener  Zeit  noch
ziemlich  unvollkommenen  Apparaten  so  leicht  und  sicher  ab,  daß  bereits  am  19.  November
die  Anordnung  zur  Einrichtung  von  weiteren  zwölf  und  am  21.  November  von  weiteren
sechs  Fernsprechanstalten  erfolgen  konnte.  Der  Erfolg  dieser  Maßregel  veranlaßte  die
Reichstelegraphenverwaltung,  den  Fernsprecher  als  öffentliches  Verkehrsmittel  dauernd  einzuführen. ­
  Die  großen  Vorzüge  des  Apparats  lagen  auf  der  Hand.  Derselbe  war  billig,
leicht  und  ohne  wesentliche  Vorübung,  also  nahezu  von  jedermann  zu  handhaben.  Die  Reichstelegraphenverwaltung ­
  befand  sich  daher  in  der  Lage,  auch  an  solchen  Orten  Telegraphenanlagen ­
  zu  errichten,  wo  für  die  Bedienung  des  Morseapparates  geeignete  Personen  nicht
vorhanden  waren,  und  diesem  Umstande  ist  es  vornehmlich  zu  danken,  daß  die  Vermehrung
der  Telegraphenanstalten  des  deutschen  Reichstelegraphengebiets  in  so  außerordentlichem
Umfange  stattgefunden  hat.  Die  nachstehenden  Angaben  mögen  dazu  dienen,  über  die  Entwickelung ­
  dieses  Zweigs  der  Telegraphie  in  Deutschland  einen  Überblick  zu  gewähren.
Telegraphenanstalten  mit  Fernsprechbetrieb  waren  vorhanden  (zu  Ende  der  Jahre):

1877:

16

1885:  3170

1892:  6628

1878:

287

1886:  3702

1893:  6983

1879:

788

1887:  4197

1894:  7317

1880:  1126

1888:  4679

1895:  7778

1881:  1278

1889:  5147

1896:  8243

1882:  1462

1890:  5228

1897:  8579

1883:  1800
1884:  2582

1891:  6404

1898:  9000

Zieht  man  in  Betracht,  daß  zu  Ende  des  Jahres  1898  neben  den  9000  Telegraphenanstalten ­
  mit  Fernsprechbetrieb  6169  Reichstelegraphenanstalten  mit  Morse-  rc.  Betrieb
vorhanden  gewesen  sind,  so  ergibt  sich  die  gewiß  interessante  Thatsache,  daß  zu  jenem
Zeitpunkte  bereits  60  Prozent  sämtlicher  Reichstelegraphenanstalten  mittels  Fernsprecher
betrieben  wurden.
Der  ursprünglich  zur  Verwendung  gekommene  Fernsprecher  von  Bell  ist  zunächst
durch  den  Siemensschen  Fernsprecher  mit  Signalpfeife  ersetzt  worden.  Alsdann  ging
die  Verwaltung  dazu  über,  statt  der  einfachen  Fernsprecher  von  Siemens  sogenannte  Fernsprechgehäuse ­
  mit  Siemensschem  Fernsprecher  und,  an  Stelle  der  Signalpfeife,  mit  Ruhestrom, ­
  unter  Umständen  auch  mit  Jnduktionsströmen  betriebene  Wecker  zu  verwenden.  Seit
dem  Jahre  1891  sind  die  Siemensschen  Fernsprecher  durch  Mikrophone  ersetzt  worden.
Das  Vorgehen  der  deutschen  Telegraphenverwaltung  mit  der  Einführung  des  Fernsprechers ­
  in  den  Dienst  des  Welttelegraphenverkehrs  hat  in  anderen  Ländern  nur  verhältnismäßig ­
  geringe  Nachahmung  gefunden.  Dagegen  hat  der  Fernsprecher  namentlich  in  Amerika
früher  und  in  ausgedehnterem  Maße  als  in  Deutschland  Anwendung  gefunden  für  den
Verkehr  in  größeren  Städten.  In  den  größeren  Städten  Nordamerikas  hatten  seit  1872
Privatgesellschaften  von  einzelnen  Zentralstellen  aus  nach  Privathäusern  Telegraphenleitungen ­
  gelegt,  durch  welche  einfache  Signalapparate  in  Thätigkeit  gesetzt  werden  konnten.
Man  bestellte  mittels  derselben  Boten,  rief  Polizeibeamte  zu  Hilfe,  meldete  Feuersgefahr
u.  a.  m.  Als  dann  der  Fernsprecher  erfunden  war,  führte  man  diesen  an  Stelle  der
Sigualapparate  ein,  und  so  waren  denn  bereits  im  Jahre  1880  die  bedeutendsten  Städte
der  Vereinigten  Staaten,  wie  New  Jork,  Philadelphia,  Washington,  Baltimore  u.  a.  m.,
mit  Stadtfernsprecheinrichtungen  versehen.  Statt  der  früheren  einfachen  Signale  war
es  den  Teilnehmern  an  den  Stadtfernsprecheinrichtungen  nunmehr  möglich,  einander  auf
schnellstem  Wege  Nachrichten  zukommen  zu  lassen,  Anfragen  zu  stellen  und  die  Beantwortung
derselben  zu  erhalten  u.  s.  w.,  so  daß  die  Fernsprecheinrichtungen  bald  für  jede  Art  von
Geschäftsleuten,  namentlich  für  Kaufleute,  Spediteure,  Fabrikanten,  Ärzte,  Apotheker  u.  s.  w.
ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  wurden.  Über  die  bedeutendsten  Stadtfernsprecheinrichtungen
der  Vereinigten  Staaten  Amerikas  im  Jahre  1895  gibt  die  folgende  Tabelle  Auskunft:
            
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