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Die Wirtschaft der höheren Naturvölker.
Dabei erzeugt jede Familie so ziemlich alles, was sie bedarf, selbst. Eigene Berufs
arbeiter, die ein bestimmtes Gewerbe betreiben, gibt es mit wenigen Ausnahmen nicht,
die einzelnen Familienwirtschaften jedes Stammes bilden gewissermaßen eine Summe
gleichartiger Einheiten, unter denen schon aus diesem Grunde zur Entwickelung eines
wechselseitigen Ta lisch Verkehrs untereinander der Anlaß fehlt.
Dazu kommt, daß in Bezug auf die Nahrungsmittel nahezu Gütergemeinschaft
herrscht. Es gilt vielfach dem Diebstahle gleich, dem Nachbar von einem geschlachteten
Stück Vieh nichts mitzuteilen, und ganze Gemeinden besuchen im Falle einer Mißernte
ihre Nachbarn, um sich von ihnen erhalten zu lassen. Für Gebrauchsgegenstäude und
Werkzeuge besieht unter den Stammesgenossen allgemein die Sitte des Leihens, die fast
zu einer Verpflichtung wird. Übertragung von Gütern aus einer Wirtschaft in die andere
kommt daher innerhalb des Stammes fast nur beim Frauenkaufe, bei der Entrichtung
von Abgaben, Vermögensstrafen und Gaben an den Häuptling, Sänger, Tänzer oder Be
schwörer vor. Dagegen hat sich wohl ein Verkehr von Stamm zu Stamm herausgebildet,
der darin seinen Grund hat, daß einzelne Naturprodukte, wie z. B. Salz, Eisen, manche
Tier- oder Pflanzenstoffe nicht überall vorkommen, oder daß die Angehörigen eines
Stammes in der Herstellung einzelner Erzeugnisse besonders geschickt sind.
Ursprünglich war dieser Verkehr kein Tauschverkehr. Die Einrichtung des Tausches
ist dem Naturmenschen keineswegs etwas Geläufiges, und noch weniger kann von einer
Neigung zum Tausche bei ihm gesprochen werden. Manche Stämme haben vom Tausche
gar keinen Begriff, gleichwohl findet auch bei ihnen ein Verkehr von Stamm zu Stamm
statt, der sich in der Form des Gastgeschenkes vollzieht. Der ankommende Fremdling
erhält ein Geschenk, das er erwidert, worauf er bei der Abreise ein zweites Gastgeschenk
erhält. Bezüglich der Gaben können Wünsche geäußert werden, und kein Teil ist seiner
Gastpflicht eher ledig, als bis der andere sich befriedigt erklärt hat. Erst allmählich hat
der Tausch sich hieraus entwickelt. Noch im Homerischen Zeitalter spielt das Gastgeschenk
für den Gütererwerb eine Rolle, die jene des Tausches oder Kaufes lveit überragt, und
bei der Beschreibung königlicher Schätze wird in den Homerischen Gedichten zumeist der
Raub oder die Schenkung durch einen Gastfreund, nicht der Tausch als die Quelle des
Erwerbes angeführt. Auch die Sitten und Gebräuche, von denen bei einzelnen Völker
schaften der Abschluß des Tausches begleitet ist, deutet auf seinen Ursprung aus dem
Gastgeschenke zurück.
Mit der Zeit schuf sich dann der auf diese Weise entstehende Tauschverkehr seine eigenen
Einrichtungen. Es entstanden die Märkte, zumeist auf Plätzen, die in der Nähe der
Stammesgrenzen liegen, oft an Orten, welche durch eine religiöse Überlieferung geheiligt
sind. Sie bilden ein neutrales Gebiet, auf dem alle Feindschaft ruhen muß, und strenge
Strafen schützen den Marktfrieden. Jeder Stamm bringt auf den Markt, was ihm im
Gegensatze zu dem anderen an Naturprodukten oder Erzeugnissen der Handfertigkeit
eigentümlich ist, und er tauscht dafür Produkte ein, die er überhaupt nicht oder doch nicht
ebenso gut wie der Nachbarstamm erzeugt. Auf diese Weise wird jeder Stamm wieder
veranlaßt, jene Erzeugnisse, die seine Besonderheit bilden, in überschüssiger Menge hervor
zubringen, um dafür auf dem Markte die eigentümlichen Erzeugnisse anderer Stämme
eintauschen zu können. Es entwickelt sich eine Art internationaler Arbeitsteilung
im kleinen, lange Zeit bevor innerhalb des Volkes eine Teilung der Arbeit von
Wirtschaft zu Wirtschaft stattgefunden hat.
Mit den Märkten und dem Tauschverkehr von Stamm zu Stamm steht zum Teil
auch die Entstehung des Geldes im Zusammenhang. Es ist leicht begreiflich, daß für
jeden Stamm die Ware, die er selbst nicht erzeugt, sondern von Fremden regelmäßig
eintauscht, zum allgemeinen Tauschmittel wird, das jeder annimmt und wofür alles
zu haben ist. Da er seinen Besitz an solcher Tauschware nicht willkürlich vermehren
kann, so wird sie zum Wertmaße für den übrigen Besitz, und bald wird sie auch zu
Wertübertragungen unter Stammesgenossen (z. B. beim Brautkaufe, bei der Ent
richtung von Abgaben) und zur Schatzbildung benützt. Selbstverständlich ist das Um