872
Die Weltwirtschaft.
laufgebiet dieser primitiven Geldsorten oft ein eng begrenztes; von Stamm zu Stamm
wechselt die marktgängige Tauschware. Einzelne seltener vorkommende Waren, z. B. die
Salztäfelchen in salzarmen Gegenden besitzen wieder ein weites Umlaufgebiet, innerhalb
dessen ihr Wert mit der Entfernung vom Ursprunglande stetig wächst.
So zeigen sich in dem Wirtschaftsleben der Naturvölker bereits die ersten Keime der
wirtschaftlichen Erscheinungsformen, die auf den höheren Stufen der Entwickelung zu
beobachten sind. Im ganzen sehlt jedoch selbst bei den Fortgeschritteneren unter ihnen
noch vieles an der einheitlichen Geschlossenheit der Hauswirtschaft, mit der die euro
päischen Kulturvölker bereits in die Geschichte eintreten. „Überall klaffen", wie Bücher
treffend sagt, „noch tiefe Risse, und dem Individuum ist eine wirtschaftliche Selbständigkeit
gewahrt, die uns fremdartig anmutet" — ein Überbleibsel aus der Zeit der individuellen
Nahrungssuche.
Die geschlossene Hauswirtschaft.
Die nächste Stufe der Entwickelung, die der geschlossenen Hauswirtschaft, beherrscht
das Wirtschaftsleben der europäischen Kulturvölker von dem Beginne unserer geschichtlichen
Kenntnis über sie bis in das Mittelalter hinein. Sie kennzeichnet sich dadurch, daß jedes
Hauswesen für sich eine abgeschlossene und sich selbst genügende Einheit bildet, innerhalb
deren sich der ganze Kreislauf von der Gütererzeugung bis zum Verbrauche vollzieht.
Art und Maß der Produktion bestimmt sich lediglich nach dem Bedürfe der Hausgenossen
(der Familie, des Geschlechtes) an Verbrauchsgütern. Auch die gewerbliche Thätigkeit
ist ausschließlich Hauswerk (Hausfleiß), das ist Produktion im Hause für das Haus aus
selbstgewonnenen Rohstoffen. Jedes Produkt durchläuft seinen ganzen Werdegang von
der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Genußreife in der gleichen Wirtschaft.
Dies bedingt zunächst freie Verfügung jeder einzelnen Wirtschaft über den
nötigen Grund und Boden. Denn sämtliche Rohprodukte, deren das Hans, sei es
zum unmittelbaren Genusse, sei es zur weiteren Verarbeitung, bedarf, müssen von ihm
selbst gewonnen werden, und sein Recht an Grund und Boden muß so weit reichen, daß
diese möglich wird. Wer nicht aus eigenem Rechte über den Boden verfügt, kann keine
eigene Wirtschaft führen und kann sein Leben nur fristen, wenn er zum Knechte des
Grundeigentümers wird und als dienendes Glied in den Bereich einer anderen Haus
wirtschaft eintritt.
Anderseits setzt die geschloffene Hauswirtschaft eine solche Vielseitigkeit des Könnens
und der Beschäftigung voraus, daß eine weitgehende Arbeitsteilung unter den Gliedern
der Familie notwendig wird, während gleichzeitig die Einfachheit der Arbeitsbehelfe ein
Zusammenwirken vieler bei einer Aufgabe häufig erfordert. Eine Familie im heutigen
Sinne, bestehend aus einem Ehepaare, dessen Kindern und einigen Dienstboten wäre
außer stände, allen diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Im Beginne der Wirtschafts
geschichte finden wir daher als wirtschaftliche Einheit auch nicht die Familie, sondern die
Sippe (Geschlecht, Gens, Clan), das sind größere, aus mehreren Generationen bluts
verwandter Personen bestehende Gruppen, die gemeinsames Grundeigentum haben,
gemeinsame Wirtschaft führen, einen gemeinsamen Rechtsschutzverband bilden. Die Nieder
lassung erfolgt gewöhnlich derart, daß die Geschlechtsgenossen zusammen große Höfe und
Dörfer begründen. Erst allmählich scheiden sich aus diesen großen Verbänden kleinere
familiäre Hausgemeinschaften aus, aber noch jahrhundertelang blieb der Grund und
Boden im Gemeineigentum der Sippe, und auch seine Bebauung geschah lange Zeit hin
durch noch gemeinsam, wenngleich der Verbrauch der Früchte in jedem Hanse gesondert
erfolgte. Mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Aussonderung der einzelnen Familien
wurde es jedoch immer schwerer, den Ansprüchen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
zu genügen, und um die sich hieraus ergebende Schwächung der wirtschaftlichen Leistungs
fähigkeit zu vermeiden, wurde ein doppelter Weg eingeschlagen:
Der eine bestand darin, daß man für größere Aufgaben, denen die Einzel
familie nicht gewachsen war, die alten Geschlechtsverbände fortbestehen ließ, sei