Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

895

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung.

seine  Bevölkerung  auf  38,5  Millionen  im  Jahre  1895  gestiegen,  während  Deutschland
in  derselben  Zeit  eine  Zunahme  von  37,?  auf  52,2  Millionen  zu  verzeichnen  hat,  und
1898  war  der  Geburtenüberschuß  Deutschlands  (847  000)  schon  größer  als
die  Gesamtzahl  der  Geburten  in  Frankreich  überhaupt  (843  000).
Diese  geringe  Zunahme  der  Bevölkerung  bildet  schon  seit  langem  den  Gegenstand
ernster  Besorgnis  für  die  französischen  Politiker.  Wohl  wird  von  manchen  darauf  hingewiesen, ­
  daß  der  Stillstand  der  französischen  Bevölkerung  außerordentlich  günstig  für
die  Erhaltung  eines  wohlthätigen  Gleichgewichtes  zwischen  den  vorhandenen  Erwerbsquellen ­
  und  der  von  ihnen  zehrenden  Volksmenge  sei  und  daß  er  das  Steigen  des  Volkswohlstandes ­
  und  eine  günstige  Entwickelung  der  sozialen  Verhältnisse  befördere.  Zweifellos
aber  schwächt  er  die  Expansivkraft  des  Volkes  nach  außen,  und  wenn  man  darüber
klagt,  daß  die  französischen  Kolonien  ihrer  Mehrzahl  nach  Beamten-  und  Militärkolonien
seien,  und  daß  die  geordneten  Verhältnisse,  welche  die  französische  Verwaltung  dort  hergestellt ­
  hat,  mehr  dem  Handel  fremder  Nationen  als  dem  französischen  zu  gute  kommen,
so  hat  dies  zum  guten  Teil  seinen  Grund  in  der  geringen  Volksvermehrung  des  Mutterlandes ­
  und  in  dem  Fehlen  eines  französischen  Auswandererstromes,  der,  nach  den
eigenen  Kolonien  gerichtet,  ein  neues  Frankreich  jenseit  des  Meeres  erstehen  ließe.
Im  Gegensatze  zu  England,  das  alle  für  europäische  Ansiedelungen  geeigneten  Teile
seines  weiten  Kolonialreiches  mit  einer  englisch  redenden  Bevölkerung  zu  füllen  verstand, ­
  vermag  Frankreich  sein  Kolonialgebiet  nicht  genügend  zu  nutzen,  und  man  versteht ­
  es,  wenn  ein  französischer  Gelehrter,  Leroy-Beaulieu,  bei  der  vergleichenden
Gegenüberstellung  der  französischen  und  der  deutschen  Bevölkerungszunahme  schmerzlich
ausruft:  „Völker  mit  so  geringem  Wachstum  wie  das  französische  würden  in  100  Jahren
zur  Bedeutungslosigkeit  herabgedrückt  sein."
Noch  klarer  tritt  die  Bedeutung  der  Bevölkerungsbewegung  für  die  Weltstellung
eines  Volkes  und  ihr  Zusammenhang  mit  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen  hervor,  wenn
man  sich  nicht  damit  begnügt,  die  Zu-  oder  Abnahme  der  Bevölkerung  in  den
einzelnen  Ländern  zum  Gegenstände  der  Betrachtung  zu  machen,  sondern  auf  die  Ursachen ­
  dieser  Erscheinungen  näher  eingeht.  Es  kommen  dabei  die  natürliche  Volks-Vermehrung
  und  die  Ein-  oder  Auswanderung  in  Betracht.  Für  die  Gebiete  mit  alter
Kultur  und  dichter  Bevölkerung,  wie  es  die  europäischen  Staaten  der  Mehrzahl  nach
sind,  ist  vor  allem  die  natürliche  Volksvermehrung  durch  den  Überschuß  der  Geburten ­
  über  die  Todesfälle  maßgebend.  Die  Wanderungen  sind  für  die  Bevölkerung
dieser  Länder  nur  insofern  von  Bedeutung,  als  eine  Abwanderung  stattfindet,  welche
das  Ergebnis  der  natürlichen  Bevölkerungszunahme  unter  Umständen  erheblich  verändert. ­
  Die  Tabelle  auf  S.  896  gibt  eine  Übersicht  über  die  natürliche  Vermehrung
der  Bevölkerung  in  den  wichtigsten  europäischen  Ländern,  indem  sie  die  Zahl  der  auf  je
1000  Einwohner  entfallenden  Geburten  und  Todesfälle  in  einer  Reihe  von  Jahren  einander ­
  gegenüber  stellt.
Hieraus  ergeben  sich  zwei  Haupttypen  der  Bevölkerungsentwickelung,  die
G.  v.  Mayr  zutreffend  die  Typen  der  „zurückhaltenden  und  der  verstärkten  Bevölkerungsentwickelung" ­
  nennt.  Ein  Beispiel  für  den  ersten  Typus  bildet  Frankreich ­
  mit  seiner  niedrigen  Geburtsziffer.  Allerdings  wird  dieser  durch  einen  niedrigen  Stand
der  Sterblichkeit  das  Gleichgewicht  gehalten,  so  daß  die  Bevölkerung  stationär  bleibt.
Was  oben  über  die  Richtung  der  Bepölkerungsentwickelung  in  Frankreich  gesagt  wurde,
findet  durch  diese  Zahlen  seine  Bestätigung.  Die  niedrige  Sterblichkeitsziffer,  die  hauptsächlich ­
  auf  eine  geringe  Kindersterblichkeit  zurückzuführen  ist,  ist  ein  Beleg  für  die  günstige
Entwickelung  der  sozialen  Verhältnisse,  während  die  Geringfügigkeit  des  Geburtenüberschusses ­
  zeigt,  daß  die  schwache  Bevölkerungszunahme  in  Frankreich  nicht  etwa
durch  Abwanderung  der  überschüssigen  Bevölkerung,  sondern  durch  die  Schwäche  der
natürlichen  Volksvermehrung  hervorgerufen  wird.  Eine  noch  ungünstigere  Richtung
nimmt  die  Entwickelung  in  Ländern,  wo  infolge  mißlicher  sozialer  Verhältnisse  eine
niedrige  Geburtenziffer  mit  hoher  Sterblichkeit  zusammentrifft.  Hier  führt  die  zurück-
            
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