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Kolonien ihren Wohlltand verdanken, ijt der Weinbau, der von ihnen
neben der LandwirtihHaft mit Erfolg betrieben wird“).
Su den legten Jahrzehnten führte der allgemeine Zug nad) Sibi-
rien und ruflifdg Mittelajien audy mande wandernden deutjdhHen
Koloniften auf diejen Weg nad dem ferneren Olten. Im Riejenraum
von Orenburg und Ufa bis zum Stillen Ozean und im Süden bis
nad) Chiwa hatten fid) gegen 100000 deutidHe Bauern in neuen Sied-
lungen niedergelafien. Wie Tropfen im Meer fchienen fie hier 3zu
ver[dwinden, und doch entwidelten ji AWnfäßge neuer deutjdher Nieder-
laljungsgebiete: Im Gouvernement Tomft, im Kreije Barnaul hatten
lid) gegen 20000 Kolonijten in einer Gegend angeliedelt, und im Ak-
molinjfgebiet in den Kreilen YWimolin]k und Onmjt je 10000. Ohne
itaatlidge Hilfe, die rujlijden Überfiedlern zuteil wurde, allein auf
die eigene Kraft und auf die Fürjorge angewiejen, die die Mutter-
folonien an der Wolga und im Schwarzmeergebiet ihren Auswanderern
gewährten, hatten die deutjden Bauern den weiten Weg zurücdlegen
müljen; ihre wirt/qaftlide Tüchtigieit half ihnen aber, und die neuen
deut[den Bauerngehöfte, die fie auf jungfräulider aftatijdher Erde
errichteten, jtaden bald vorteilhaft von der NMadhbarjhaft ab.
Ob und wie weit die gewaltfame Überfiedlung deutijder Kolonilten
der „SGrenzgouvernements‘“ während des Krieges nad) Sibirien die
Zahl der deutfdhen Kolonijten dort vermehrt Hat, entzieht }idh Heute
der Beurteilung, denn wir wijjen nicht, wie viele der Unglüdlidhen
hei Ddiejfer graufjamen „Evakuation‘““ nod) lebend das ihnen beitimmte
Ziel erreidht haben. —
Bon den Siedlungen deutjder Bauern und Gewerbetreibenden im
früheren Rußland bleibt nody eine Gruppe bejonders hervorzuheben:
zs Jind die deut[dHen Kolonien in Ingermanland, in der
Umgegend von Petersburg, mit deren Gründung Katharina II, in
den fedhziger Yahren des 18. Jahrhunderts ihr Kolonijationswerk
begann. Im Schatten der früheren Reihshauptjtadt bleiben dieje Kolo-
nien meijft unbemerit und unbeadhtet. Darüber vergibt man, daß die
Orte: Oranienbaum, Zarffoje Sjelv, Gatidhina, Schlüjfelburg, Peter-
9of durd) deutfjde Einwanderer jener Zeit zur Bedeutung gelangten.
Au) der hHungernde Petersburger von Heute, der [ih früher in Deut-
idenheke nicht genug tun Ionnte, entjinnt fi) jet wieder der Nüß-
fidhfeit und wirtjdHaftliden Tüchtigfeit der deutjdHen Bauern im rullt
iden Staat; denn in den deutjdhen Kolonien, die wie ein Kranz um
Petersburg liegen, gelingt es ihm am ebhelten, bisweilen feiner Er-
nährung aufzuhelfen.
*) Ein lebensvolle Schilderung des Kolonijtenlebens in Iranskaukajien
3ibt Graf Schhweinig in feinem Buch: Helenendorf. Eine deutidhe Kolonie
im Kautfalus,