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Die großen Hauptlinien des Weltverkehrs zu Lande-
politische oder strategische oder andere Gründe rechtfertigen — aber es ist eine großartige
Marotte, und um sie zu verwirklichen, wenden die Amerikaner geradezu ungeheure Sum
men auf.
Von der Hndsonbai und von der Mündung des Hudson-Flusses (New Uork) soll die
künftige panamerikanische Bahn die Vereinigten Staaten und Mexiko in südlicher Richtung,
durchziehen, dann den gesamten mittelamerikanischen Isthmus in der Achse durchschneiden
und weiterhin, unter Entsendung eines Seitenzweigs nach Venezuela, durch Kolumbien,
Ekuador, Peru, Bolivien und Argentinien verlaufen, um schließlich an der La-Plata-
Mündnng zu enden. Brasilien und Chile würden durch Zweigbahnen angeschlossen werden.
Etwa 2 / 3 der panamerikanischen Bahn sind bereits vorhanden, freilich zum überwiegenden
Teil ans lokalen Bedürfnissen der betreffenden Länder entstanden. Von New Dork reicht
die panamerikanische Bahn bis nach Tapachnla an der Grenze von Mexiko und Guatemala;
im Süden fehlt nur noch ein kurzes Stück zur Fertigstellung einer fortlaufenden Bahn
linie von Buenos Aires bis Cuzco. In der Mitte hingegen, zwischen Mexiko und Peru,
ist außer einigen Bruchstücken, die von der künftigen Bahn benutzt werden könnten, noch
so gut wie nichts vorhanden.
Tie gesamte Bahn von New Uork bis Buenos Aires würde 16469 km lang sein.
Im Norden ist eine 6050, im Süden eine rund 3000 km lange Strecke bereits fertig;
mit den übrigen kurzen, benutzbaren Stücken des mittleren Teils stellt sich der gesamte
vorhandene Schienenstrang der panamerikanischen Bahn auf rund 11000 km, also
etwa ans 2 / 3 der gesamten Linie. Könnten somit die Aussichten auf das Zustandekommen
der ganze Strecke anfangs günstig erscheinen, so muß doch der stärkste Zweifel ausgespro
chen werden, ob das allzu phantastische Unternehmen dereinst als ein lebensfähiges Gebilde
zustande kommen wird. Von Mexiko mag dereinst eine Fortsetzung bis Panama geschaffen
werden, obwohl auch eine solche Bahn vollkommen überflüssig sein würde, da die mittel
amerikanischen Republiken weder Menschen noch Güter in nennenswerter Menge mitein
ander auszutauschen haben: aber von Panama bis-Euzco müßte die Bahn überwiegend
durch fast unkultiviertes, menschenarmes, wirtschaftlich totes Land und überdies nahezu un
ausgesetzt durch schwierigstes Anden-Hochgebirge verlaufen, so daß schwer zu sagen ist, ob die
ungeheuren Kosten des Baus oder seine totale Nutzlosigkeit größer sein würden. Dazu kommt,
daß die heute noch fehlenden Teile der panamerikanischen Bahn durch häufige Erdbeben
voraussichtlich recht oft betroffen werden würden, so daß die sicher in Massen erforderlichen
Tunnels immer wieder einstürzen dürften. Weiterhin würde die gesamte Bahn keine ein
heitliche Spurweite aufweisen, sondern in den südamerikanischen Gebirgsländern, wo die
meisten vorhandenen Bahnen nur nach den lokalen Bedürfnissen hergestellt wurden, wechselt
die Spur sehr oft und ohne jede Regel. Ein Umbau in eine Einheitsspnr aber würde,
wenigstens in der viele tausend Kilometer langen Gebirgsstrecke, einem vollkommenen Neu
bau gleichen.
Kurz und gut, von welcher Seite man auch das Unternehmen der panamerikanischen
Bahn betrachtet, es ist absolut nicht zu erkennen, wie man daraus ein lebensfähiges
Gebilde will Herstellen können, und auch die gewaltigsten Summen, die das panamerika
nische Bahnkomitee in Washington auf die Förderung des nur als politische Temonstration
und Unterstreichung des Monroe-Gedankens zu bewertenden Planes verwendet, werden nicht
darüber hinwegtäuschen können, daß es sich um ein totgeborenes Kind handelt. Aber der
Plan ist nun einmal vorhanden und wird in den Vereinigten Staaten (die andren ameri
kanischen Länder stehen der Idee sehr kühl, in Mittelamerika fast feindlich gegenüber) niit
großer Liebe und nationalem Stolz gehegt und gefördert. So mußte er denn auch an
dieser Stelle erwähnt werden, obwohl man ihn gar nicht skeptisch genug bewerten kann.
Afrika entbehrt bisher der Überlandbahnen noch vollständig, obwohl in diesem Erd
teil dasjenige Überlandbahnprojekt zu finden ist, das nächst dem Plane der Bagdadbahn
am meisten die Gemüter beschäftigt, nämlich die Kap—Kairo-Bahn. Auf den ersten
Blick mutet dieses gigantenhafte Projekt, das einen fortlaufenden britischen Schienenweg
vom Kap der Guten Hoffnung bis zur Nilmündung herstellen will, ebenso phantastisch an,