278 Vierundzwanzigftes Buch. Drittes Kapitel.
1860 Lübkes Grundriß der Kunstgeschichte, Bücher mit vor—
wiegend praktischen Zwecken. Inzwischen aber hatte Springers
auf geschichtlicher Anschauung fußende kunstkritische Tätigkeit
seit etwa 1845 eingesetzt; und im Jahre 1866 ergab sich das
Interesse der Gebildeten an Kunst und Kunstgeschichte schon
als stark genug, um die Begründung eines ersten großen
periodischen Unternehmens, der Zeitschrift für bildende Kunst,
zu ermöglichen.
Diese Verdrängung der ästhetischen Theorien durch eine
mehr kunstgeschichtliche Anschauung wirkte nun an sich befreiend
auf die Malerei und schließlich auch auf Baukunst und Plastik.
Denn es war klar, daß ein wirklich objektives und eingehendes
Studium der Kunst der Vergangenheit schließlich zu der Er—
kenntnis führen mußte, daß deren Stile nicht Ergebnis aprio⸗
rischer oder ein für allemal gegebener ästhetischer Grundsätze
seien, sondern vielmehr lebendige Erzeugnisse des jeweiligen,
sich in sich abwandelnden seelischen Charakters der Zeitalter,
und daß zu ihrer besonderen Ausbildung im einzelnen Kunst⸗
werke stets eine Summe besonderer Einflüsse beigetragen hatte,
deren Wiederholung gerade in dieser Konstellation schwerlich
erhofft werden könne. Und es verstand sich damit von selbst,
daß die Kunstgeschichte am Ende die Befreierin der Kunst
werden müßte von vorgefaßten Theorien und vielerlei Zwang,
der sich der Entwicklung von außen aufdrängte.
Dies ist auch das Ergebnis der kunsthistorischen Forschung
gewesen. Sie hat schließlich die künstlerischen Werte der Ver—
gangenheit als relativ erkennen gelehrt und gezeigt, daß ein
absolutes Urteil ihnen gegenüber nur dann zu gewinnen ist,
wenn man sich auf den Standpunkt einer bestimmten Periode
festlegt. Und sie hat damit für die künstlerische Praxis die
Alternative gestellt, sich entweder fortschrittslos auf eine solche
Basis zu stellen, oder aber frisch zu schaffen zwar unter der
Kenntnis der Lehren, aber auch ohne das Gängelband der
Vergangenheit.
Denn eine andere Seite der kunstgeschichtlichen Forschung
war es, daß sie den zeitlichen Horizont der Maler außerordentlich