Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

3 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
Menschen geistig und sittlich beschaffen, technisch geschult, wie ihre Sitten und Bedürf— 
nisse entwickelt, wie sie in Familien, Höfen, Dörfern und Städten organisiert seien, wie 
Vermögen und Kapital verteilt, Arbeitsteilung und sociale Klafsenbildung gestaältet, wie 
das Marktwesen, der Handel, das Geldwesen geordnet seien, wie Finanzen und staats— 
wirtschaftliche Institutionen die Einzelwirtschaften und den wirtschaftlichen Fortschritt 
beeinflussen. Denn die Volkswirtschaft ist das als ein Ganzes gedachte und wirkende, 
von dem einheitlichen Volksgeist und von einheitlichen materiellen Ursachen beherrschte 
System der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Vorgänge und Veranstaltungen des Volkes. 
Zu diesen Veranstaltungen gehört auch der Staat. Ohne eine fest organifierte 
Staatsgewalt mit großen wirtschaftlichen Funktionen, ohne eine „Staatswirtschaft“ als 
Centrum aller übrigen Wirtschaften kann eine hochentwickelte Volkswirtschaft nicht 
gedacht werden. Diese Staatswirtschaft mag, wie die befehlende und eingreifende Staats— 
gewalt selbst, eine viel größere Rolle in dieser, eine viel kleinere in jener Volkswirtschaft 
spielen, vorhanden ist sie stets. Es war ein schiefes Phantasiebild, sich eine natürliche 
Volkswirtschaft außerhalb und getrennt von allem Staate und aller Staatseinwirkung 
vorzustellen. Es führt auch leicht zu falschen Schlüssen, wenn man das staatliche Leben 
sich ausschließlich unter dem Bilde eines Systems eentralisierter Kräfte, das volkswirt— 
schaftliche als unter dem eines Systems freier, sich selbst bestimmender Einzelkräfte vor— 
stellt. Beides sind die verschiedenen Seiten eines und desselben socialen Körpers. Im 
Staat wie in der Volkswirtschaft ist eine Einheit pfychischer Kräfte vorhanden, die 
unabhängig von äußerer Organisation wirken; im Staat und in der Volkswirtschaft 
vollziehen sich zahlreiche Vorgänge auf der Peripherie ohne direkte und bewußte Leitung 
von einem organisierten Centralpunkt aus. Auch die Volkswirtschaft hat centrale Organe, 
wie z. B. große Banken, centrale Verkehrsinstitute, Wirtschaftsvertretungen, Handels— 
und Ackerbauministerien. Nur sind sie nicht so zahlreich und so centralisiert, wie die 
Organe des Staates. Die politischen Funktionen bedürfen in umfassenderem Maße der 
einheitlichen Zusammenfassung. Die Volkswirtschaft ist ein halb natürlich-technisches, 
halb geistig-sociales System von Kräften, welche zunächst unabhängig vom Staat ihl 
Dasein haben, verkümmern oder sich entwickeln, die aber bei aller höheren und kompli— 
zierteren Gestaltung doch von Recht und Staat feste Schranken gesetzt erhalten, nur 
in Übereinstimmung mit diesen Mächten ihre vollendete Form empfangen, in steter 
Wechselwirkung mit ihnen bald die bestimmenden, bald die bestimmten sind. 
Wenn wir so die Volkswirtschaft als einen Teilinhalt des gesellschaftlichen Lebens, 
als die eine Seite des socialen Körpers bezeichnen, so liegt es auch nahe, daß sie nur 
im Zusammenhang mit den übrigen geseilschaftlichen Erscheinungen zu verstehen ist. 
Wir versuchen daher einleitend zu einem Verftändnis des gesellschaftlichen Lebens über— 
haupt und hauptsächlich der psychischen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen desfelben 
zu kommen. Diese Betrachtungen geben uns zugleich Gelegenheit, einige der principiellen 
Fragen, welche auf dem Grenzgebiete zwischen Volkswirtschaftslehre einerseits und Staats— 
lehre, Pfychologie, Ethik und Kechtsphilosophie andererseits liegen, schon hier zu erledigen. 
Daran knüpfen sich dann am passendsten die nötigen Bemerkungen über die Geschichte 
der Litteratur und die Methode unserer Wissenschaft an. 
II. Die psychischen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen der 
Volkswirtschaft und der Gesellschaft überhaupt. 
Die Zwecke und die Mittel des gesellschaftlichen Jusammenschlusses. 
erbert Spencer, Die Principien der Sociologie. 4 Bde. Deutsch 187797. — Schäffle, 
Bau 38 Leben erree Körpers. 4 Bde. 1875—78, 2. Aufl. 2 Bde 1896. — Tard'e, Les 
ois de l'imitation 1895. 2. Aufl. 
J. 
4. Gehen wir, um zu einem ersten rohen Verständnis des gesellschaftlichen Lebens 
zu kommen, von der sichersten und allgemeinsften socialen Erfahrung aus, so ist es
	        
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