Full text : Gesellschaftslehre

Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 325
stellung der Gruppe. Einen solchen bedeutet das Bewußtsein der Taten
und Leistungen einer Gruppe und ihr Stolz auf sie, z. B. der Stolz der
Männerbünde auf ihre Jagden oder ihre Geheimkulte. Man kann hier
zugleich von einer Keimform eines historischen Bewußtseins sprechen.
Einen Übergang bilden auch geschichtliche oder pseudogeschichtliche
Überlieferungen, auch wenn sie nicht von der Gruppe, sondern von einzelnen
 Personen berichten, wofern dabei nur das für die Gesamtheit Bedeutsame
 dominiert; bei den Naturvölkern kann man die Überlieferungen
 von den Kulturheroen als den Ahnherren des Stammes hierher rechnen,
 die dessen gesamte Gesittung eingerichtet haben. Ausgesprochen
vorstellungsmäßig ist die Auffassung der Gruppe von sich sicher da, wo
eine geschichtliche Überlieferung von den Schicksalen des Ganzen berichtet,
 wobei nicht nur an die großen Gebilde der Völker, sondern auch
an kleinere Gruppen nach Art einzelner Regimenter, Vereine, Institute
usw. zu denken ist.

3. Das Verhältnis des Einzelnen zu den übrigen Gruppenmitgliedern
 ist also bestimmt durch sein und ihr Verhältnis zu
der Gruppe. Es gilt dieser Sag besonders nach drei Richtungen
hin. Erstens: zwischen den Genossen besteht ein Genossenschaftsverhältnis
 wegen ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zur Gruppe. Genauer
 gesprochen steht, wie wir früher sahen ($ 19.,), der Einzelne
 in einem Gemeinschaftsverhältnis zur Gruppe und damit zu
deren Repräsentanten, d. h. zu seinen Genossen als solchen Wesen, die
mit der Gruppenqualität behaftet sind. Wir haben hier nämlich nur den
Typus der persönlichen Gruppengemeinschaft ($ 19,,) im Auge gemäß
 unserer Beschränkung auf den idealtypisch reinen Fall; wir denken
also nur an Gruppen .von hinreichend kleinen Dimensionen, bei denen
die persönliche Beziehung zwischen allen Einzelnen in voller Lebendigkeit
 besteht. Hier kann man von einem Gemeinschaftsverhältnis zwischen
len Genossen sprechen; jedoch hat dieser Sat den Sinn, daß die gemeinsame
 Zugehörigkeit zur Gruppe die Grundlage dieses Verhältnisses bildet.
Zweitens besigt der einzelne seiner Gruppe gegenüber die Gesinnung
der Liebe ($ 8,,); d. h. er ist mit einer besonderen Wertempfänglichkeit
 ihr gegenüber behaftet und faßt sie demgemäß so auf, daß ihre
Werte ihm überall hell entgegenleuchten. Man kann nicht sagen, daß er
den Genossen als Individuum, speziell als Persönlichkeit liebt; die in
Rede stehende Gesinnung gilt vielmehr lediglich der Gruppenverkörperung
 in ihm, nicht seiner Persönlichkeit. Die Liebe wendet sich nur dem
Höheren zu (und dies ist die Gruppe), während dem Gleichen, d. h. dem
Genossen, Achtung erwiesen wird. Demgemäß hegt der Einzelne gegen
;eine Genossen als Individuen die Gesinnung der Achtunzg. Auch diese
            
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