Die Gruppe der Historiker
139
Stets war der Autor darauf bedacht möglichst alle Tat
sachen aus ersten Quellen zu schöpfen. Dazu unternahm er
italienischen , englischen und deutschen. Die Anschauung, daß die mittelalter
lichen Zünfte sich aus den römischen Kollegien entwickelt hätten, bekämpft er
aufs entschiedenste. Über die Zünfte urteilt Levasseur : die römischen Kollegien
gingen in der Völkerwanderung unter. Durch Jahrhunderte wurden sie durch
nichts ersetzt. Die Zünfte entstanden spontan im XII. und XIII. Jahrhundert
als wirtschaftlicher Zusammenschluß der in dem kommunalen Befreiungsprozeß
dieser Periode aus der Hörigkeit zur persönlichen Freiheit gelangenden gewerb
lichen Bevölkerung. Die Zünfte existierten zunächst nur in einigen Städten und
waren weit geöffnet. Aber der Monopolgeist war im Herzen der Einrichtung
drin. Dieser Geist entwickelte sich in dem Maße, als die Zünfte an Zahl zu
nahmen. Er diente dem Interesse der Handwerksmeister sowohl als dem der
königlichen Gewalt, in deren Augen die Zünfte ein Element der Ordnung und
der Befestigung der Zentralgewalt waren. Nach dem hundertjährigen Kriege
und im XVI. Jahrhundert verbreitete sich das korporative System schnell.
In der Periode der Religionskriege wucherten die Schäden des Zunft
wesens am üppigsten. Das absolute Königtum des XVII. Jahrhunderts unter
warf die Zünfte strenger Beaufsichtigung und vermehrte deren Zahl aus fiska
lischen Gründen; es stürzte sie in Schulden, indem es Geld aus ihnen preßte;
es hielt die Privilegien und die hierarchischen Ungleichheiten, welche mit der
Gesamtheit der Institutionen der Monarchie harmonierten, aufrecht, indem es
selbst autoritativ die Fabrikationsverfahren reglementierte, und indem es seine
Hand schwer auf den Gesellen lasten ließ, um sie in Unterordnung unter ihre
Meister zu erhalten.
Im Mitteltalter waren die Zünfte eine vorteilhafte Einrichtung. Den auf
keimenden Gewerben gaben sie einen heimischen Herd, den Handwerkern sicherten
sie Schutz gegen Unterdrückung; sie versuchten, wenn auch mit geringem Er
folg, loyale Fabrikation zu garantieren; ihnen verdankten die Handwerksmeister
eine geachtete, ehrenvolle soziale Stellung, sie waren für Meister und Gesellen
eine Stätte fröhlicher, geselliger Unterhaltung. Dagegen hafteten ihnen fast von
Anfang an Mißstände an, die mit der Zeit zunahmen : in ihnen verkörperten
sich Routine und Monopoltendenzen ; sie erwiesen sich als ein Hemmnis des ge
werblichen und des wirtschaftlichen Fortschritts, sowie der Großindustrie; sie
verleiteten die Handwerker zu vielen überflüssigen Ausgaben.
Der Schutz der Zünfte war wahrscheinlich im XVI. Jahrhundert, sicher
aber im XVII. und XVIII. Jahrhundert nicht mehr nötig, denn die allgemeine
Polizeigewalt des Staates genügte damals zur Sicherung der individuellen Rechte.
Die Lage der Gesellen in den Zünften war eine solche strenger Abhängig
keit von den Meistern. Die Zünfte waren eine Art beständiger und stillschwei
gender Koalition gegen jede Lohnerhöhung. Allerdings vermochte diese das
Spiel von Angebot und Nachfrage nie ganz auszuschalten ; aber sie war wirksamer
als die, welche man heute den Trusts vorwirft, weil die beruflich streng
geschiedenen Gesellen nicht über die Kompensation eines freien Marktes ver
fügten. Levasseur Histoire avant 1789, Bd. II, p. 908 ff., 941 ff.