Haushaltsrechnungen.
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Wir ergänzen danach die obigen Tabellen, die nur Prozentsätze enthalten, durch eine
Uebersicht der absoluten Ausgabenbeträge, die auf die umgerechnete Kopfzahl
treffen. Nach dem Maßstab des Statistischen Reichsamts auf die Einheit des er
wachsenen Mannes umgerechnet, betrug bei 391 ausgewählten Familien *) die Aus
gabe in Mark:
Familien mit
für
einer Gesamt
ausgabe von.. M.
Zahl
Nahrung
Wohnung Heizung, Kleidung
Beleuchtung
Sonstiges
Zusammen
unter 2000
224
363
120 32 76
102
693
2000—3000
111
441
178 39 144
211
1015
über 3000
56
522
294 49 218
390
1472
Nach dem früher Gesagten würden sich diese Durchschnittssätze beider Ta
bellen etwas differenzieren, wenn man sozial gleich zusammengesetzte Gruppen
nach der Ortsgröße unterschiede; in der Stadt, besonders in der Großstadt,
ist sowohl die absolute Ausgabe, wie die Ausgabenquote, für die Wohnung bedeutend
erhöht, und sind die andern Ausgaben und Ausgabequoten zusammen entsprechend
kleiner. Auch innerhalb der großstädtischen Gruppe steigt die Quote der Wohnungs
ausgabe, einigermaßen parallel der Einwohnerzahl, bis fast zum Doppelten an. Und
dieselbe Verschiebungstendenz zeitlich: trotz gelegentlicher Schwankungen steigt
die Quote der städtischen Wohnungsausgabe mit dem Zeitablauf nicht unerheblich * 2 ).
Daran mag zum Teil der zunehmend großstädtische Charakter der Städte Schuld
sein, zum Teil die Verteuerung des Bauens durch steigende Löhne und Material
preise, zum Teil auch die neuerdings bessere Ausstattung der Wohnungen. Aber
wenn unlängst für Berlin die Mietsteigerung einer typischen Arbeiterwohnung (mit
einem heizbaren Zimmer und Küche) 1880—1910 auf mehr als 50 % geschätzt 3 )
oder die Verteuerung der Wiener Schulbauten 1877—93 auf 38% berechnet 4 ) wor
den ist, so hat die bessere Ausstattung an dieser plötzlichen Zunahme doch wohl
nur einen bescheidenen Anteil. Jedenfalls geht die Mietsteigerung, wenn sie richtig
geschätzt ist, über die gleichzeitige Steigerung der Berliner Lebensmittelpreise 5 * * )
weit hinaus, obgleich diese letzteren von den Mietpreisen (z. B. Selbstkosten des
Bäckers) mit abhängen.
In Paris hat nach L. March, dem Chef der französischen Statistik, 1824
bis 1908 die Miete sich fast verdreifacht, der Lebensunterhalt im ganzen aber durch
billigere Ernährung, Heizung und Beleuchtung sich verbilligt 8 ). Im 20. Jahrhundert
ist dagegen die zunehmende Verteuerung des Wohnens zugleich eine Teilerscheinung
der allgemein abnehmenden Kaufkraft des Geldes, auch gegenüber den
andern Bedürfnissen. Die Ursachen dieser allgemeinen Teuerung sind an anderer
Stelle des Lehrbuchs zu erörtern. Ihre Wirkung ist natürlich ähnlich der einer
allgemeinen Schrumpfung des Einkommens; das Engelsche und Schwabesche Gesetz
machen sich in dem Sinne geltend, daß vom gleichen Einkommen eine größere Quote
als früher für Nahrung und Wohnung aufgewendet werden muß. Soweit diese
Teuerung nur der Ausdruck einer „inneren“ Wertminderung des Geldes ist, also nicht
4 ) Nämlich denjenigen der Erhebung von 1907, die aus einer Kasse wirtschaften, also
weder Schlafgänger noch Dienstboten noch selbstverdienende erwachsene Kinder haben.
2 ) Pohles Einwand (Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1906, S. 32 f.), die diesbezüg
liche Statistik schnell wachsender Städte werde durch die zugezogenen Elemente getrübt,
fällt gegenüber der obigen These schon darum nicht ins Gewicht, weil die Zuzügler schwerlich
eine abnorm hohe Wohnungsausgabequote haben.
3 ) Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 139, 2. Teil (1912),
S. 4. Nach Emmy Reich, Der Wohnungsmarkt in Berlin von 1840 bis 1910 (1912), S. 132
stieg die Durchschnittsmiete einer Wohnung mit einem heizbaren Zimmer 1880—1905 nur von
191 auf 255 M. = 34%.
4 ) Ebendort Bd. 98, S. 52.
s ) Ebendort Bd. 139, 2. Teil, S. 50.
6 ) Influence des variations des prix sur le mouvement des depenses menagtres ä Paris,
Nancy 1910. Zitiert nach p. 570 der Revue d’economie politique, 1910.