Full text : Weltporto-Reform

IV

Schulmeister,  ein  Dilettant  und  Autodidakt  ohne  Titel,  ohne  äusseres  oder
wissenschaftliches  Ansehen,  ohne  Hochschulbildung,  doch  dafür  ein  ideenreicher ­
  erfinderischer  Kopf  mit  jenen  tiefen  Augen,  die  alles  sehen,  plötzlich ­
  aus  den  Tälern  des  bürgerlichen  Privatlebens  emporsteigt  und,  von
einem  einsichtigen  und  merkwürdig  dankbaren  Volke  gestützt  und  getragen,
in  ein  paar  Jahren  das  alte  Postwesen  umstürzt  und  umgestaltet  und  sich
bald  zum  wirklichen  Lenker  der  Verwaltung  aufschwingt,  um  nach  und
nach  alle  Länder  der  Welt  zur  Nachfolge  zu  zwingen.  Das  ist  ein  Beispiel
der  Macht  des  Gedankens,  wie  er  oft  von  einem  einzigen  Geiste  ausgeht  und
die  bestehenden  Dinge  in  andere  Bahnen  drängt,  als  wenn  er  mit  Nietzsches
Zarathustra  spräche:  „So  sollt  ihr  laufen,  ihr  grossen  und  kleinen  Ströme!“

Ich  habe  alle  diese  Betrachtungen  über  den  Weltpostverein  und  seine
Vorbedingungen  vorairsgeschickt  als  eine  Art  Captatio  benevolentiae.  Ich
möchte  entschuldigt  sein  für  dieses  dicke  Buch,  das  manchem  vielleicht  zunächst ­
  nur  als  ein  Buch  über  die  nüchterne  kleine  Frage,  wie  man  10  Pf.  an
Briefporto  ersparen  kann,  erscheinen  wird.  Auch  die  Worte  des  Moliereschen
Misanthropen  könnte  jemand  mir  verhalten;
„Quel  besoin  si  pressant  avez-vous  de  rimer?
„Et  qui  diantre  vous  pousse  ä  vous  faire  imprimer?“
Aber  der  Vorwurf  der  Pressiertheit  würde  bei  mir  nicht  zutreffen.  Ich
habe  lange  genug  auf  einen  genügenden  Anlass  zu  dieser  Drucklegung  gewartet. ­
  Schon  seit  anderthalb  bis  zwei  Jahrzehnten  verkehrswissenschaftlichen ­
  Problemen,  besonders  Tarifreformfragen  nachgehend,  auch  bei  gegebenen ­
  Gelegenheiten  Zeitungsaufsätze  darüber  veröffentlichend,  habe  ich
in  einzelnen  Spezialgebieten  besonders  eingehende  Porschungen  angestellt.
Das  gilt  namentlich  von  Eisenbahnfahrpreisfragen  und  vom  Kursbuchwesen
sowie  von  den  Telegramm-  und  Posttarifen  aller  möglichen  Länder.
Seit  1894  beschäftigte  mich  das  Problem  einer  Vereinfachung  und
Verbilligung  des  freilich  meist  mit  einem  Defizit  arbeitenden  Telegrammwesens ­
  im  In-  und  Auslandsverkehr,  und  ich  bin  dabei  zu  einem  System
gekommen,  das  manches  auch  für  die  Pachwelt  Neue  enthalten  dürfte,
ohne  deshalb  die  Versuche  und  Fortschritte  des  letzten  Jahrzehnts  unberücksichtigt ­
  zu  lassen.
Etwa  seit  derselben  Zeit  vertiefte  ich  mich  auch  in  die  hier  behandelten ­
  Fragen  der  Weltportoreform,  in  die  Geschichte  des  Postwesens,
in  die  Vorgeschichte  des  Weltpostvereins,  für  die  ich  viel  neues  Material
fand,  u.  dgl.  m.  Ich  schrieb  auch  mancherlei  Studien  nieder,  teils  mehr,
teils  weniger  ausgearbeitet.  Schon  vor  einem  Dutzend  von  Jahren  wollte
ich  eigentlich  dieses  Buch  herausgeben,  beschränkte  mich  dann  aber  auf
Veröffentlichung  des  Werkes  „Zur  Reform  des  Paketportos“  (1898,
anonym)  und  der  Broschüre  „Die  Frage  eines  deutsch-niederländischen ­
  Postvereins“  (1900/1901).  Doch  habe  ich  nachher  öfter  Zeitungsartikel ­
  und  auch  kleinere  Arbeiten  über  die  Weltportofrage  drucken  lassen.
Mein  besonderer  Anlass  zu  diesem  Buche  war  aber  folgender:
            
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