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Autoritäten zu verlassen, die trotz grössten Vertrauens, das sie im allge
meinen verdienen, im einzelnen dennoch, sehr irren können. Ich möchte
auch nicht bloss überreden, sondern überzeugen. Wieweit mir das den
amtlichen Stellen gegenüber gelingen wird, kann ich nicht voraussehen.
Die Postverwaltungen haben ja so oft durch ihre Vertreter in den
Parlamenten gegen das erstrebte Weltpennyporto Bedenken erhoben, haupt
sächlich fiskalische Bedenken. Aber an sich, so meine ich, muss jede
Verwaltung schon von Natur mit diesem Ziele sympathisieren und ver
kehrserleichternden Heformen geneigt sein. Manche von ihnen wird daher im
stillen vielleicht ganz erfreut darüber sein, dass ich ihre Bedenken mildere oder
widerlege, so wie oft ein sprödes Mädchen zwar nein sagt, aber eigentlich
ja meint und sehr zufrieden ist, so verstanden zu werden. Schon aus einer
Reichstagsrede Stephans zu Ende Januar 1897 merkte man, dass zwei
Seelen in seiner Brust wohnten und der Generalpostmeister eigentlich
anders fühlte als der Vertreter der verbündeten Regierungen in derselben
Person, der mit seinem nein nur einen sauren Auftrag der Finanzverwaltung
und Gesamtregierung ausführte.
Der gegenwärtige Staatssekretär des deutschen Reichspostamts er
klärte Anfang März 1906 ja auch, „dass es selbstverständlich immer das
Bestreben der deutschen Postverwaltung ist, nach Möglichkeit die Ver
kehrsverhältnisse mit dem Auslande zu verbessern,“ brachte aber dann
wieder die bestehenden finanziellen Bedenken vor, ebenso wie sein Kollege
in England.
Über diese „Möglichkeit“ gehen nun aber die Ansichten gerade aus
einander, und ich hoffe, dass die Postverwaltungen es mir nicht verübeln
werden, wenn ich ihnen, gegenüber den meist pessimistischeren Finanz
verwaltungen, den Röcken stärke und gerade die „Möglichkeit“ durch alte
und neue Argumente nachzuweisen versuche, aber nicht bloss die Möglich
keit, sondern sogar die dringende Notwendigkeit. Ich wünsche durch
mein Buch dahin zu wirken, dass wir das allgemeine Welt-
Pennyporto, das Inlandsporto als Auslandsporto, nicht erst in
20 Jahren oder noch später erreichen, wie nach manchen amt
lichen und fachmännischen Äusserungen und Aufsätzen anzu
nehmen wäre, sondern womöglich schon in einigen wenigen
Jahren, sei es'nun zum nächsten Weltpostkongress oder bis zum
75j ährigen Jubiläum des englischen Pennyportos oder bis zum
Eintritt Chinas in den Verein. Wie ich unten feststelle, sind im all
gemeinen die Postfinanzen meist sehr günstig; bei der Mehrzahl der
wichtigeren Länder liefert die Post sogar bedenklich hohe Überschüsse,
deren Erhaltung durchaus nicht erwünscht erscheint. Die zeitweilige Geld
klemme mehrerer grosser Staaten, an deren Abstellung aber nicht zu
zweifeln ist, kann als Einwand nicht in Frage kommen. Eine Hinaus
schiebung des Welt - Pennyportos auf den imaginären Zeitpunkt einer
günstigeren Finanzlage, die manche Staaten überhaupt nicht erleben, aber
immer erträumen, ist deshalb untunlich, weil sich in 10—12 Jahren der
Verkehr oft verdoppelt und auch die Einnahmeausfälle dann doppelt so