Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

260 V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter. 
freier Mann, da seine Pflichten gegenüber seinem Herrn begrenzt 
waren und er nur mit einem Teil seiner Persönlichteit dem 
Herrschaftsbereich angehörte. Der Umstand, daß das Hosrecht 
nur einen Teil der Person des Unfreien erfaßte!), daß der Un- 
freie in weitem Umfang wirtlschastliche Freiheit, Produktions- 
freiheit besaß, ist von großer Bedeutung für die Handwerts 
geschichte wie die Gestaltung der mittelalterlichen Arbeitsver- 
fassung überhaupt. Auf jene Weise werden große Mengen der 
Tuche hergestellt worden sein, die uns vor dem Aufkommen 
der Städte im Warenaustausch begegnen. Meistens blieb die 
Weberei auf dem Land landwirtschaftlicher Nebenberuf. In 
einigen Gegenden wurde sie aber auch zum Hauptberuf. 
Wohl hat in den früheren Jahrhunderten der grundherr- 
schastliche Haushalt eine gewisse Autarkie in gewerblicher Hin- 
sicht besessen; die Grundherren haben ferner auch Unfreie 
als gewerbliche Arbeiter beschäftigt und von abhängigen Bauern 
(wie eben angedeutet) gewerbliche Produkte als Abgaben erhalten; 
wobei diese jsich den Rohstoff teils sselbst beschafsten, teils von 
jenen erhielten. Allein der gewerbliche Betrieb der Fronhöfe 
war doch erstens nur von bescheidenem Umfang, steigerte sich 
selten so, daß die gewerblichen Arbeiter in besondern Verbänden 
zusammengefaßt werden mußten?). Zweitens diente er bloß 
dem eigenen Bedarf der Grundherrschaft, arbeitete nicht oder 
nur ausnahmsweise für den Markt; ja, er deckte nicht einmal 
den eigenen Bedarf vollständig. Die Autarkie der Grundherr- 
schaft war begrenzt und setzte neben dem abhängigen Hand- 
werk ein für den freien Verkehr arbeitendes voraus). Erst in 
1) Vgl. oben S. 54; Jahrbuch für Gesetzgebung 1919, S. 818 ff.; 
Köhne, Ztschr. f. Sozialwissenschafta N. F. Bd. 8, S. 339. 
2) Ich habe auf die geringe Ausdehnung des grundherrlichen 
Gewerbes in der Ztschr. f. Soz. u. W. G. Bd. 5 (1897), S. 124ff. 
hingewiesen. Vgl. auch Kiener, Verfassungsgeschichte der Provence 
S. 30. Ein besonderes Verdienst der Schrift von Keutgen, Ämter 
und Zünfte (1903) ist es, dies Verhältnis weiter geklärt zu haben. 
3) Der Anarchist Fürst Krapotkin schildert in seinen Memoiren I, 
S. 35 ff., wie der große russische Grundherr den größten Wert darauf 
legte – es war Sathe des Ehrgeizes für ihn , alles, was für den
	        
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