Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 303 
man fürchtete die Macht dieser Ansichten um so mehr, als sich 
die kommenden sozialen Stürme des Bauernkrieges hier und 
da in dumpfem Murren ankündigten und vorauszusehen war, 
daß sich bei gewaltsamer Unterdrückung der lutherischen Lehre 
in ihnen die radikalsten religiösen und sozialen Ziele zusammen— 
finden würden. 
Unter dem Drucke dieser Erwägungen, die in dem fast 
völlig protestantischen Nürnberg besonders nahe lagen, dazu 
vorwärts geschoben durch die beängstigende Haltung des bei— 
nahe ganz lutherischen Adels von Oberfranken, endlich gedrängt 
durch die Drohung der meist lutherischen Großstädte, dem Reiche 
ihre finanzielle Beihilfe zu entziehen, kam der Reichstag zu 
sehr merkwürdigen Beschlüssen. Er erklärte sich zunächst, wenn 
möglich noch deutlicher, als bisher, über die Mißbräuche in 
der Verfassung der alten Kirche; hierüber sei man jetzt durch 
die Schriften Luthers gut unterrichtet, hieß es im Bericht seines 
Ausschusses. Vor allem wünschte man hier, in Überein⸗ 
stimmung mit dem selten aufrichtigen päpstlichen Nuntius 
Chieregati, daß der „römische Hof, von dem vielleicht alles 
solches Ubel ausgegangen, reformiert werde“. In Sachen der 
Reformation aber wurde beschlossen, daß binnen Jahresfrist 
in einer deutschen Stadt, etwa in Straßburg, Köln, Mainz 
oder Metz, ein Konzil zusammentreten solle. In diesem Konzil 
sollte, um nun wirklich die Wahrheit zu finden, jedermann 
beim Heil seiner Seele verpflichtet sein, göttliche und evan— 
gelische Wahrheit zu reden, Geistliche sowohl wie Laien. In⸗ 
zwischen aber sollte im Reiche nichts gelehrt werden, als das 
rechte lautere Evangelium nach der Lehre und Auslegung der 
bewährten und von der christlichen Kirche angenommenen 
Schriften. 
Ein merkwürdig zwischen mittelalterlichen und reforma— 
torischen Anschauungen schwankender Beschluß: die Laien sollen 
uͤber göttliche Dinge mitsprechen; aber die Wahrheit kann nur 
als eine formuliert werden, und sie wird zweifellos aus den 
legalen Verhandlungen eines Konzils, das mithin nicht irren 
kann, hervorgehen. Klar war nur, daß die Halbheit der ganzen
	        
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