Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 305
Es handelte sich also zunächst um eine Nationalversamm⸗
lung in religiösen Dingen, um ein von Laien geplantes laien—
haftes Vorkonzilium: es war ein vom Standpunkte des kirch—
lichen Rechts her unerhörter Beschluß. Papst Clemens VII. war
außer sich vor Entsetzen; Karl V., obwohl durch den Krieg mit
Frankreich aufs Außerste in Anspruch genommen, fand doch den
Mut, am 15. Juni 1524 die Nürnberger Beschlüsse zu vernichten,
die Speierer Versammlung zu verbieten und die Einhaltung des
Wormser Edikts den Ständen bei schärfster Strafe anzudrohen.
Es war wieder einmal ein Moment, der entscheidende
Klarheit brachte. Deutlich war zu Tage getreten, daß die
Mehrheit der Reichsstände in ihren kirchenpolitischen Maßregeln
von der öffentlichen Meinung fast gegen ihren Willen der Refor—
mation zugedrängt worden war; die Lutherischen hätten von
der Speierer Versammlung, die auch den Katholischen recht
—
Papst hatten sich ihnen offen entgegengeworfen. Aber be⸗
deuteten diese einstweilen viel? Die Sache Luthers, des Ge—
ächteten, hatte einstweilen noch immer gesiegt, seine Gedanken
beherrschten noch immer die germanische Welt.
II.
In der erfolglosen Gegnerschaft und in der Unklarheit
der öffentlichen Gewalten durch so viele Jahre hindurch hatte
sich gezeigt, daß die religiöse Bewegung durch äußere Kraft—
entwicklung überhaupt schwerlich zu unterdrücken war. Wie
aber, wenn ihr geistige Mächte entgegentraten? Die huma—
nistische Strömung war älter, als die religiöse; sie war gerade
in den großen Städten, den festesten Sitzen des Evangeliums,
weit verbreitet; sie konnte nach manchen Seiten als Vorläuferin
der reformatorischen Bewegung gelten: sollte sie sich dieser
ruhig unterordnen?
Luther hat die Bedeutung des Humanismus niemals ver—
kannt. Noch in späteren Jahren hat er einmal gesagt: „Wäre
gamprecht, Deutsche Geschichte V. 20