Object: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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machen. Dem gegnerischen Verteidiger genügte die Auskunft völlig. 
Eine andere Zeugin erklärt, D. habe ihr, nachdem er sie verführt, 
ein Kleid und ein Portemonnaie mit 16 Mark gestohlen. Eine 
andere wieder sagt aus, daß D. ihr und anderen die Ehe versprochen 
habe, trotzdem er verheiratet gewesen sei. Wegen Körperverletzung, 
Nötigung usw. erhält D. drei Monate Gefängnis. 
Gerade wie sich bei dem Kampfe gegen sogenannte staatsfeind 
liche Elemente ein verbrecherisches Spitzeltum an die Sohlen der 
politischen Polizei hängt, so klammert sich oft an die Sittenpolizei bei 
ihrem Vorgehen gegen die Prostitution ein kupplerisches Denun 
ziantentum. / 
Von Zeit zu Zeit füllen sich immer wieder unsere großen Tages 
zeitungen mit leidenschaftlichen Anklageartikeln wegen haar 
sträubender „Mißgriffe" sittenpolizeilicher Organe. Abermals ist 
wieder irgend eine anständige Frau in den schwarzen Verdacht, 
gewerbsmäßig der Unzucht z'u frönen, gefallen. Erst mit der Be 
seitigung der sittenpolizeilichen Kontrolle werden die Klagen über 
derartige Mißgriffe der Sittenpolizei verstummen. 
Wir können hier unmöglich das lange, lange Sündenregister 
der Sittenpolizeiorgane aller Länder vortragen. Im autokratischen 
Rußland wie in der republikanischen Schweiz, in der alten wie in 
der neuen Welt, überall ertönt der gleiche Entrüstungsschrei über 
Uebergriffe der Sittenpolizei. Und was beweist jener gemeinsame 
Schrei aus aller Herren Länder anders, als daß die Wurzel jener 
Uebergriffe selbst im sittenpolizeilichcn System liege? 
Wir greifen aus der Geschichte der Mißgriffe der Sittenpolizei 
nur einige wenige neuere Vorkommnisse heraus. 
Im Jahre 1901 wurde in Wien eine Französin unter dem 
Gejohle der Menge von dem Polizeiagenten Neuhofer mißhandelt, 
in das Gefängnis zu Dirnen geworfen und gewaltsam ärztlich unter 
sucht. Fünf Interpellationen provozierte dieser Fall im Reichsrat. 
Im Jahre 1902 wurden in Hamburg und Kiel Damen unter dem 
Verdachte der Prostitution verhaftet und zum Teil roh behandelt. 
Diese Fälle führten am 8. September zu einer riesigen Demon 
strationsversammlung in Hamburg, die von den Mitgliedern aller 
Parteien besucht war. 
Es ist bezeichnend, daß ein in seinem ganzen Denken konservativ 
gerichteter Mann, Dr. Henne am Rhhn, der mit fast fanatischem 
Haß die Sozialdemokratie verfolgt, eine heftige Anklageschrift gegen 
die Sittenpolizei richten konnte. In seiner Schrift; „Die Gebrechen 
und Sünden der Sittenpolizei aller Zeiten, vorzüglich der Gegen 
wart" läßt er einmal volles Tageslicht auf die geradezu ungeheuer 
lichen Roheitsakte der französischen und belgischen Sittenpolizei 
fallen. Geriebene Gauner ahmten massenhaft das brutale Gebaren 
der Pariser Sittenpolizei nach, nahmen Liebespaare fest, raubten 
die Liebhaber aus und mißbrauchten die Mädchen. Eine Bande 
hat es in 500 Fällen so getrieben. „Prostituierte Dirnen und
	        
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