Full text : Material zur Lage der Bergarbeiter während des Weltkrieges

das  Gegenteil.  Wenn  ihnen  die  ganze  Sachlage  im  Referat  auseinandergesetzt ­
  wird,  beruhigen  sie  sich  und  beschließen  meist
daß  die  Ausschüsse  oder  Organisationsvertreter  beauftragt
werden,  mit  den  Zechenverwaltungen  oder  den  Behörden  weiter
zu  verhandeln,  um  noch  zu  einer  Verständigung  zu  gelangen.
Ein  Teil  der  kürzlich  in  anderen  Revieren  ausgebrochenen  sogenannten ­
  wilden  Bergarbeiterstreiks  sind  durch  das  Eingreifen
der  Organisationsvertreter  beigelegt  worden,  so  auch  der  letzte
Streik  im  schlesischen  Neuroder  Bezirk.  Hätten  die  Organisationsvertreter ­
  vorher  schon  in  Versammlungen  die  betreffenden ­
  Arbeiter  aufklären  können,  wäre  es  sicher  nicht  zu  Streiks
gekommen.  Wo  Organisationsvertreter  während  des  Krieges
in  Versammlungen  sprachen,  ist  es  nirgends  zu  Streiks  gekommen.
  Das  beweist  das  oben  angeführte  zur  Genüge.  Die  Bergarbeiter ­
  haben  allgemein  das  Gefühl,  daß  sie  ganz  unnötig  mit
so  geringen  Löhnen  abgespeist  werden,  welche  bei  der  Teuerung
nicht  ausreichen,  sich  und  die  Familie  gehörig  zu  ernähren.
Nachgewiesenermaßen  werden  auch  jetzt  noch  in  Rheinland-Westfalen ­
  viele  Hauer  trotz  ihres  Fleißes  mit  Löhnen  von  wenig
über  6  Mark,  ja  einige  sogar  noch  mit  weit  unter  5  Mark  Lohn
pro  Schicht  abgespeist.  Mehr  als  5  bis'  6  Ueberschichten  im
Monat  zu  verfahren,  sind  die.  meisten  Bergarbeiter  bei  der  so
schweren  Arbeit  beirn  besten  Willen  nicht  imstande,  weil  dann  die
Gesundheit  leidet  und  eine  größere  Anzahl  Krankfeierschichten
die  Folge  sind.  Bei  einigermaßen  gutem  Willen  sind  die  Bergherren ­
  zurzeit  in  der  Lage,  mehr  Lohn  zahlen  zu  können.  In
Anbetracht  der  ernsten  Lage,  in  der  sich  Deutschland  befindet,
sollten  die  Behörden  eifrig  bemüht  sein,  den  Bergarbeitern  zu
wohlverdienten  besseren  Löhnen  zu  verhelfen.  Aber  durch  diese
Versammlungsverbote,  wie  kürzlich  in  Essen,  und  durch  das  Verbot, ­
  über  Lohnfragen  in  Bergarbeiterversammlungen  zu  debattieren, ­
  so  wie  das  in  Dortmund  und  auch  anderwärts  geübah,
werden  die  Gemüter  erregt.  Die  Stimmung  überträgt  sich
auch  ans  die  Kameraden  im  Schützengraben,  weil  sie  das  hartnäckige ­
  Verhalten  der  Bergherren  und  die  Verbote  der  Behörden
als  großes  Unrecht  empfinden.  Eine  solche  Stimmung  länger
zu  erzeugen,  kann  nicht  zum  Nutzen,  sondern  muß  zum  Schaden
Deutschlands  ausschlagen.  Wir  haben  im  Interesse  der  Allgemeinheit ­
  oft  genug  gewarnt,  so  auch  kürzlich  das  Parlament
auf  die  unliebsamen  Vorgänge  aufmerksam  gemacht.  Wir  und
die  Arbeiter  im  Allgemeinen  haben  während  des  Krieges  auch
die  vaterländischen  Pflichten  voll  und  ganz  erfüllt.  Das  ist
wiederholt  auch  von  oben  anerkannt  worden.  Tun  die  Herren
Arbeitgeber  zur  schweren  Stunde  ihre  Pflicht  auch  gegenüber
dem  schwer  arbeitenden  Bergmann,  so  wird  sich  alles  zum  besten
            
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