Der Stoff der Sozialwissenschaft, 1, A.
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Dies stützt sich offenbar auf eine Definition von „lesen“, wie dieses
Wort in der Aussage A verwendet wird und sie ja eigentlich trägt.
Ob nun diese Definition für ihren Teil befriedigt, oder ob sie zu weit
oder zu eng ausgefallen ist, tut soweit nichts zur Sache, als sie nur
überhaupt möglich ist. Denn mit ihrer bloßen Möglichkeit wird
es bereits absehbar, daß auch die Aussage A ihren eigenen, selb
ständigen Inhalt hat. Freilich ist neben der hier gelieferten Definition
von „lesen“ auch noch eine andere möglich, die ausgesprochen physio
logischer Natur wäre, und eine dritte von ausgesprochen psycho
logischer Natur. Aber gerade die Möglichkeit dieses Dreierlei
der Definitionen, die Möglichkeit also, daß sich die Deutung von „lesen“,
wie es in der Aussage A enthalten ist, auf einer selbständigen
Linie bewegen kann, spricht für die Selbständigkeit von A.
Dieser Behauptung stellen sich eine Menge Zweifel entgegen, denen
die Untersuchung erst nach und nach gerecht wird. Vorläufig kann
man dies außer acht lassen, da ein Einwand möglich ist, der so sehr
auf den Kern der ganzen Sachlage abzielt, daß seine Widerlegung alle
Ungewißheit wettmacht. Da nämlich die Aussage A als eine er
fahrungswissenschaftliche zur Diskussion steht, macht es im
Grunde nicht viel aus, ob sie einen mehr oder minder selbständigen
Inhalt besitzt; um so mehr jedoch, insoweit man die Bedenken gegen
sie in dem Einwand zusammenfassen kann, daß sie den Aussagen B
und C nicht ebenbürtig sei, indem sie vom erfahrungs
wissenschaftlichen Standpunkt aus etwas Minderwertiges
Wäre. Hier fällt zweifellos die Entscheidung!
Die drei Aussagen lassen sich als Erfahrungsurteile ansehen, so
fern man sie einem Beobachter in den Mund legt. Die Aussage
A nimmt dann etwa die Form an: „Dieser liest.“ Jener Einwand
stützt sich nun auf die alte, stets von neuem wiederholte Behauptung,
daß der Beobachter eine solche Aussage nicht anders vollziehen könne
als im Wege eines ganzen Schluß verfahrens: Eines Schlusses, der
von dem „Gesehenen“, „Gehörten“ usw., also vom Inhalte einer Aus
sage nach dem Typus B, ausgeht und sich dabei über die Analogie
zum eigenen Erleben hinbewegt, bevor er zu jener Konklusion führt,
die mit A ausgesagt wird. Diese Behauptung ist erkenntnis-
psychologischer Natur; es muß ihr daher ebenso begegnet werden.
Versetzen wir uns also in die Rolle des Beobachters.
Soviel ist sicher, der Ausdruck „lesen“, wie er die Aussage A
trägt, kann sich unmöglich als der Name für die Wahrnehmung ein
gebürgert haben, daß die Bewegung der Augen den Wortbildern
folgt; auch nicht dafür, daß die Augen zentrisch auf ein Buch ein