Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

280 Zweiundzwanzigstes Buch. 
idealische; die Zeitgenossen gebrauchten dafür den Ausdruck 
Seelenliebe. Nichts zeigt diese merkwürdige Mischung viel⸗ 
leicht besser, als der Briefwechsel Herders mit seiner Braut, 
Karoline Flachsland. Da schreibt ihm Karoline: „du du, 
mein Herder, wirst mir Leben und Seligkeit und Himmel und 
neue große Seele geben — aber ich dir nichts — als gute, 
treue, ganze Liebe.“ — „Ich warf mich endlich ins Bett — 
es war die schönste, hellste Mondnacht — und schrie laut in 
den Himmel und Mond hinein — um dich, mein Geliebtester, 
mein Engel, um dich, der du so ganz, so innig, so tief in 
meinem Herzen bist.“ Und Herder ruft aus: „Das unschuldigste, 
beste, zarteste, von der Natur zu allem Edlen und Glücklichen 
geschaffene Herz würdigt mich', mich zu lieben; o Gott, was 
in der Welt kann mich mehr, mehr über mich erheben als 
dies?“ Es war eine Mischung, die in dem pathetisch⸗sentimen⸗ 
talen Wesen der Zeit unmittelbar begründet lag, bald aber 
in der stärker aufgeregten Sinnlichkeit oder auch in dem zu⸗ 
nehmenden Egoismus des stärkeren Geschlechtes bedenkliche 
Schwächen zeigte. Gleim hatte der Karschin auf allerlei Ver— 
suche der „Anbetung“ noch geschrieben: „Zuweilen, ich gesteh 
es, meine liebste Freundin, scheinen Sie mir allzu zärtlich, und 
da erforderte meine Schuldigkeit, unsere platonische Freund⸗ 
schaft in ihren Grenzen zu halten.“ Und schließlich hatte er 
sich sogar einmal zu der Bemerkung emporgerafft: „Von meiner 
platonischen Liebe zu Ihnen, Madame, haben Sie tausend Be— 
weise; zu dieser, zwischen Personen beiderlei Geschlechtes, ge— 
hören Küsse nicht.“ Allein Gleim wurde in diesen Dingen 
bald altmodisch; die Männer wurden begehrlicher oder, was 
fast noch schlimmer war, sie schienen auch in wahrer Liebe 
nicht völlig aufzugehen. Zart empfindende Frauen fühlten 
sich darum leicht unbefriedigt; und auch da, wo sie Liebe nicht 
mit Sinnlichkeit verwechselt sahen, blieb ihnen doch das Gefühl, 
daß der Mann der sentimentalen Zerflossenheit gerade auf 
diesem Gebiete nicht alle erwarteten Opfer bringe. So schreibt 
Karoline von Dachröden an Charlotte von Lengefeld, die 
spätere Frau Wilhelm von Humboldts an die spätere Frau
	        
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