Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  219
ihn  bis  zum  Ende,  trotz  allen  Schadens,  um  ihn  nicht  auch  seinen
letzten  Kunden  verlieren  zu  lassen.“  Er  hätte  gewünscht,  daß  die
Gesellschaft  das  gleiche  mit  Hinsicht  auf  die  bedrohten,  alten  Industrien ­
  tue.  Er  vergleicht  die  Gesellschaft  mit  Gandalin,  dem
Zauberlehrling  des  Märchens,  der,  nachdem  er  durch  das  magische
Wort  den  automatischen  Wasserträger  herbeigerufen  hatte,  sieht,  wie
ein  Eimer  Wasser  nach  dem  anderen  das  Haus  überschwemmt,  ohne
doch  das  Wort  finden  zu  können,  mit  dem  er  ihm  Einhalt  gebieten
kann.  Anstatt  die  Produktion  zu  begünstigen,  sollte  die  Regierung
dem  „blinden  Eifer“  Einhalt  tun  1 ).  Er  fleht  die  Gelehrten  an,  mit
ihren  Erfindungen  langsamer  vorzugehen  und  sich  an  das  Wort  der
Ekonomisten  „laisser  faire,  laisser  passer“  —  gehen  lassen,  vorübergehen ­
  -  hinübergehen  -  lassen  —  zu  erinnern,  und  so  auch  „den
überflüssig  gewordenen  Generationen  Zeit  zu  lassen,  —  „vor  über  -
—  hinüberzugehen!“  Für  die  alte  Ordnung  der  Zünfte  und
der  Gilden  hat  er  eine  geheime  Sympathie;  wenn  er  sie  auch  als
mit  den  Interessen  der  Produktion  im  Gegensatz  stehend  verwirft,
so  fragt  er  doch,  ob  man  in  ihnen  nicht  eine  Lehre  finden  könne,
um  den  Mißbräuchen  der  Konkurrenz  einen  Zügel  anzulegen 3 ).
In  Wirklichkeit  scheint  Sismondi  nicht  zu  ahnen,  daß  die  Hemmungen, ­
  die  man  unter  dem  Vorwände,  sofort  eintretende  Leiden  zu
vermeiden,  der  Produktion  auferlegt,  den  Fortschritt  des  Wohlstandes
gerade  der  Klassen,  die  ihn  interessieren,  verlangsamen  würden.  Seine
Stellungnahme  kann  nur  in  einer  Weise  erklärt  werden;  durch  die
irrige  Überzeugung,  daß  zurzeit  schon  die  europäische  Produktion
genüge,  um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen  3 ).  Niemals  hat  Sismondi
die  relative  Armut  der  industriellen  Gemeinschaften  geahnt,  die  auf
J--B.  Say  einen  so  lebhaften  Eindruck  machte.  Er  versteht  jedoch
sehr  gut,  daß  es  nicht  leicht  sein  wird,  die  Politik  der  Regierungen
in  diesem  Punkte  zu  beeinflussen,  und  seine  Hoffnungen  wenden  sich
nach  einer  anderen  Seite 4 ).
Da  in  der  Ungewißheit  des  Einkommens  und  dem  Fehlen  jeden
Eigentums  der  Arbeiterklasse  die  Hauptursachen  der  bestehenden  Übel
Degen,  so  müssen  sich  die  Bemühungen  der  Regierungen  nach  dieser
Richtung  hin  betätigen.
Das  erste  zu  verfolgende  Ziel  würde  daher  sein,  überall,  wo  es
Möglich  ist,  die  Arbeit  und  den  Besitz  zu  vereinigen.  Daher  empfiehlt ­
  Sismondi  in  der  Landwirtschaft  Rückkehr  zu  dem,  was  er  den
»patriarchalischen  Besitz“  nennt,  d.  h.  Vermehrung  der  Bauern,  die
*)  Etudes  sur  l’Economie  Politique,  I,  S.  60—61.
2 )  N-  P„  I,  S.  341  und  II,  S.  459.
3 )  N.  P„  II,  g.  415  und  435;  siehe  auch  Etudes,  I,  S.  25.
J )  N.  P.,  I,  S.  363.
            
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