Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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5.  Luxus  und  Sparsamkeit.

bezeichnet  man  mit  Recht  als  eine  Tugend.  Sparsamkeit  ist  ein  Zeichen  innerer
Selbstzucht,  eine  tägliche  Befolgung  des  biblischen  Gebotes:  „Du  sollst  nicht  begehren";
ste  macht  den  Menschen  unabhängig  und  hebt  seinen  inneren  Wert.  Wir  finden,
daß  bedeutende  Männer  säst  stets  auch  die  Tugend  der  Sparsamkeit  übten,  weil  sie
ihr  Leben  nicht  in  dem  Kleingeld  schädlichen  Luxus  verausgabten,  sondern  sich  ernsten,
ihre  Zeit  in  Anspruch  nehmenden  Aufgaben  widmeten.  Jean  Jacques  Rousseau
Ggt:  „Seiner  Hände  Kraft,  die  Verwendung  seiner  Zeit  und  seine  strenge  Sparsamkeit ­
  sind  die  Schätze  des  Genfers!"  In  der  Sparsamkeit  spricht  sich  auch  der  wahre
Familiensinn  aus,  der  Wunsch,  den  Lebensstand  der  Familie  auch  in  kommenden
Geschlechtern  zu  erhalten.  Familien,  die  ohne  rechtlich  zwingende  Form  ihr  väterliches ­
  Erbe  im  Laufe  der  Jahrhunderte  erhalten,  werden  stets  eine  lange  Reihe
tüchtiger,  verläßlicher  Männer  aufweisen.  Der  unangenehmste  gesellschaftliche  Typus
ist  jedenfalls  der  geizige  Verschwender,  d.  h.  jener  Charakter,  der  zu  s  e  i  n  e  m  Wohlbefinden ­
  Luxus  treibt,  aber  seinen  Mitmenschen,  der  Allgemeinheit  gegenüber  der
Mann  mit  den  ewig  zugeknöpften  Taschen  ist.
Wie  es  sparsame  Individuen  gibt,  so  gibt  es  auch  sparsame  Völker.  Die  Fran-Zosen
  sind  in  ihrer  Lebenshaltung  unzweifelhaft  wesentlich  sparsamer  als  die  Deutschen,
wobei  das  Klima  einen  reichlichen  Anteil  haben  mag.  Aber  mit  der  französischen
Sparsamkeit,  mit  der  Sorgfalt,  Vermögen  aufzuspeichern  und  nur  in  den  unzweifelhaftesten ­
  Sicherheiten  anzulegen,  hängt  doch  ein  gewisser  Mangel  an  Unternehmungsgeist ­
  zusammen,  der  sich  volkswirtschaftlich  fühlbar  macht.  Auf  dem  deutschen  Unternehmungsgeist, ­
  wie  er  feit  unserer  großen  politischen  Entwicklung  erwacht  ist,  und
auf  der  zwingenden  Notwendigkeit,  fortgesetzt  für  die  Bedürfnisse  einer  schnell  wachsenden ­
  Bevölkerung  zu  sorgen,  beruht  unser  wirtschaftlicher  Aufschwung  und  die  fortschreitende ­
  technische  Vervollkommnung  unserer  öffentlichen  und  privaten  Einrichtungen. ­
  Was  indes  die  Sparsamkeit  eines  ganzen  Volkes  demselben  für  ein  Maß
innerer  Widerstandsfähigkeit  gibt,  dafür  liefert  das  französische  Volk  ein  glänzendes
Beispiel.  Nur  ein  wirtschaftlich  so  tüchtiges  Volk  konnte  die  zahlreichen  poliüfchen
Umwälzungen  feit  mehr  denn  hundert  Jahren  ohne  sichtbaren  wirtschaftlichen  Nachteil
überstehen  und  eine  Kriegsentschädigung  von  5  Milliarden  in  so  unglaublich  kurzer
Zeit  zurückzahlen.
Wenn  man  aber  über  die  wirtschaftlichen  Begriffe  von  Luxus  und  Sparsamkeit
spricht,  kann  man  sich  nicht  daraus  beschränken,  diese  wirtschaftlichen  Vorgänge  nur
in  ihrer  Wirkung  an  dem  einzelnen  zu  prüfen,  sondern  man  muß  auch  über  Luxus
und  Sparsamkeit  in  Staat  und  Gemeinde  sprechen.  Während  die  Wirtschaftsführung
des  einzelnen  meist  nur  ihn  selbst  und  seine  nächste  Familie  unmittelbar  beeinflußt,
haben  wir  an  der  Wirtschaftsführung  von  Staat  und  Gemeinde,  an  der  Art  ihrer
Finanzverwaltung  alle  das  dringendste  Interesse.  Bei  Staat  und  Gemeinde  kommt
es,  wie  bei  dem  Individuum,  darauf  an,  ihre  Ausgaben  nach  dem  Umfang  der
Einnahmen  zu  begrenzen  und  die  Ausgaben  im  einzelnen  nach  ihrer  inneren  Notwendigkeit ­
  für  das  öffentliche  Wohl  zu  bemessen,  dieselben  volkswirtschaftlich
richtig  zu  klassifizieren.
Die  Hauptsache  ist,  daß  ein  jeder,  der  in  amtlicher  Eigenschaft  öffentliche  Gelder
zu  verwalten  und  zu  verausgaben  hat,  in  jedem  einzelnen  Falle  das  Maß
von  Gewissenhaftigkeit  und  Sparsamkeit  anwendet,  welches  die  Verwendung  fremder
Gelder  zur  unbedingten  Pflicht  macht.  Deutschland  ist  zum  Teil  Gebirgsland,  zum
Teil  Sandland,  und  die  guten  Böden  sind  von  verhältnismäßig  geringer  Ausdehnung.
Seine  Naturschätze  sind  nicht  so  reich  und  nicht  so  leicht  nach  ihrem  Verwendungsort
zu  schaffen  wie  in  manchen  anderen  Ländern,  mit  denen  wir  in  hartem  Wettbewerb
stehen.  Sein  Klima  bietet  nur  eine  kurze  Vegetationsperiode.  Unser  Reichtum  liegt
deshalb  vorwiegend  in  dem  Fleiß  und  der  Tüchtigkeit  unseres  Volkes.  Auf  diese
            
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