Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

52  Zweiter  Teil.  Handel.  II.  Der  Handel  im  allgemeinen.

persönliche  Quelle  unserer  wirtschaftlichen  Kraft  muß  eine  sparsame  Finanzverwaltung
bei  ihren  Ausgaben  ängstlich  Rücksicht  nehmen.
Für  unser  gesamtes  öffentliches  Leben  möchte  ich  aber  schließlich  die  moralische
Sparsamkeit  empfehlen,  die  ein  französischer  Redner  kürzlich  bei  der  Enthüllung  des
Denkmals  Gambettas  pries.  „Weniger  Rauch,  mehr  Feuer,  weniger  Lärm,  mehr
Handlung."

H.  Der  Handel  im  allgemeinen.
1.  Gedanken  über  den  Handel  und  den  Betrieb  des
Handels  *).
33on  Johann  Wolfgang  v.  Goethe.
G  o  e  t  h  e,  Wilhelm  Meisters  Lehrjahre.  1.  Teil.  1.  Buch.  1V.  Kapitel.  In:  Goethes
Werke.  9.  Aufl.  11.  Bd.  Berlin,  G.  Grote,  1880.  S.  32  ff.
Ich  wüßte  nicht,  wessen  Geist  ausgebreiteter  wäre,  ausgebreiteter  fein  müßte
als  der  Geist  eines  echten  Handelsmannes.  Welchen  überblick  verschafft  uns  nicht  die
Ordnung,  in  der  wir  unsere  Geschäfte  führen!  Sie  läßt  uns  jederzeit  das  Ganze
überschauen,  ohne  daß  wir  nötig  hätten,  uns  durch  das  einzelne  verwirren  zu  lassen.
Welche  Vorteile  gewährt  die  doppelte  Buchhaltung  dem  Kaufmanne!  Es  ist  eine  der
schönsten  Erfindungen  des  menschlichen  Geistes,  und  ein  jeder  gute  Haushalter  sollte
sie  in  seiner  Wirtschaft  einführen.
Ordnung  und  Klarheit  vermehrt  die  Lust  zu  sparen  und  zu  erwerben.  Ein
Mensch,  der  übel  haushält,  befindet  sich  in  der  Dunkelheit  sehr  wohl;  er  mag  die
Posten  nicht  gerne  zusammenrechnen,  die  er  schuldig  ist.  Dagegen  kann  einem
guten  Wirte  nichts  angenehmer  sein,  als  sich  alle  Tage  die  Summe  seines
wachsenden  Glückes  zu  ziehen.  Selbst  ein  Unfall,  wenn  er  ihn  verdrießlich
überrascht,  erschreckt  ihn  nicht;  denn  er  weiß  sogleich,  was  für  erworbene
Vorteile  er  auf  die  andere  Wagschale  zu  legen  hat.  Ich  bin  überzeugt,  mein  lieber
Freund,  wenn  Du  nur  einmal  einen  rechten  Geschmack  an  unsern  Geschäften  finden
könntest,  so  würdest  Du  Dich  überzeugen,  daß  manche  Fähigkeiten  des  Geistes  auch
dabei  ihr  freies  Spiel  haben  können.
Glaube  mir,  es  fehlt  Dir  nur  der  Anblick  einer  großen  Tätigkeit,  um
Dich  auf  immer  zu  dem  unsern  zu  machen;  und  wenn  Du  zurückkommst,  wirst  Du
Dich  gern  zu  denen  gesellen,  die  durch  alle  Arten  von  Spedition  und  Spekulation ­
  einen  Teil  des  Geldes  und  Wohlbefindens,  das  in  der  Welt  seinen
notwendigen  Kreislauf  führt,  an  sich  zu  reihen  wissen.  Wirf  einen  Blick  auf
die  natürlichen  und  künstlichen  Produkte  aller  Weltteile,  betrachte,  wie  sie  wechselsweise ­
  zur  Notdurft  geworden  sind!  Welch  eine  angenehme  geistreiche  Sorgfalt  ist
es,  alles,  was  in  dem  Augenblicke  am  meisten  gesucht  wird  und  doch  bald  fehlt,  bald
schwer  zu  haben  ist,  zu  kennen,  jedem,  was  er  verlangt,  leicht  und  schnell  zu  verschaffen,
sich  vorsichtig  in  Vorrat  zu  setzen  und  den  Vorteil  jedes  Augenblickes  dieser  großen
Zirkulation  zu  genießen!  Dies  ist,  dünkt  mich,  was  jedem,  der  Kopf  hat,  eine  große
Freude  machen  wird.

*)  Aus  einem  Gespräche  zwischen  dem  mehr  ideal  veranlagten  Wilhelm  Meister  und
dem  mehr  praktisch  angelegten  Werner.  Letzterer  entwickelt  die  „Gedanken  über  den  Handel
und  den  Betrieb  des  Handels".  —  G.  M.
            
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