324
Zweites Buch. Die Gegner.
Verschiebungen in der Bevölkerung oder der Industrie hervorruft,
deren soziale und politische Rückwirkungen verhängnisvoll
sein können. Mit anderen Worten, für den Staatsmann muß die
Politik des Wirtschaftslebens der allgemeinen Politik untergeordnet
werden. Heute gibt es keinen Volkswirtschaftler, der die Unmöglich
keit, die Wissenschaft von der Wirklichkeit zu trennen, nicht ein
sähe 1 ), und keinen, der sich nicht des Einflusses der politischen
Macht auf den volkswirtschaftlichen Wohlstand bewußt wäre; und
weiter gibt es keinen, der nicht die Notwendigkeit zahlreicher Ein
schränkungen der absoluten Handelsfreiheit anerkennte, wie sie die
besondere Lage eines jeden Landes in der Praxis erfordert.
Auch das ist aber noch nicht alles. Indem List aufhörte, den
Menschen an sich, wie es die Schriftsteller des 18. Jahrhunderts getan
hatten, der Gesellschaft an sich gegenüber zu stellen, sondern ihn, wie
es in der Wirklichkeit der Fall ist, der Nation einordnete, hat er einen
fruchtbaren Gesichtspunkt eingeführt, aus dem man vielleicht noch
nicht alle Schlußfolgerungen gezogen hat. Er betrachtet mit Recht
die Nationen nicht nur als moralische und politische Genossenschaften,
die durch die Geschichte geschaffen worden sind, sondern auch als
wirtschaftliche Genossenschaften. Ebenso wie eine Nation sich
politisch durch den auf der Moral beruhenden Zusammenhang ihrer
Bürger kräftigt, so wächst auch mit dem wirtschaftlichen Zusammen
hang die produktive Kraft eines jeden und sein eigener Wohlstand.
So wie die Regierung beauftragt ist, die politische Einheit des
Landes aufrecht zu erhalten, so ist es auch ihre Pflicht, die wirt
schaftliche Einheit zu festigen und zu erhalten, indem sie lokale
Interessen dem allgemeinen Interesse unterordnet, die Handelsfreiheit
im Innern stützt, Eisenbahnen und Kanäle nach einem nationalem
Plane organisiert, durch eine Zentralbank den Geldumlauf überwacht,
eine einheitliche Handelsgesetzgebung ausarbeitet usw.
Dies ist das von List in seiner Zeitung, dem Zollvereins
blatt, aufgestellte Programm.
Dieses Gefühl der Macht, das eine einheitliche wirtschaftliche
Organisation einem Volke verleiht, ein Gefühl, das auch heute noch
’) Doch ist die Richtschnur manchmal recht schwer zu finden. In den letzten
Jahren ist weniger die Frage über die Ausfuhr von Waren, als die über die Ab
wanderung von Kapitalien in den Vordergrund getreten. Kann das Ministerium des
Auswärtigen sein Veto gegen die Emission einer Anleihe auf dem inneren Markt durch
einen fremden Staat odereine ausländische Gesellschaft einlegen? Innerhalb welcher
Grenzen würden die Banken und Kapitalisten gehalten sein, sich seinem Ratschlag
zu fügen? Beides Fragen, die seit einigen Jahren sich mehr und mehr in Frank
reich, in England und in Deutschland auf gedrängt haben. Anscheinend hat sich in
fast allen Fällen die Volkswirtschaft häufiger den Notwendigkeiten der Politik
gebeugt, als umgekehrt.