Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

386 
Drittes Buch. Der Liberalismus. 
Leider ist auch diese Beweisführung nur ein reiner Sophismus, 
Zunächst könnte man sagen, daß die oben angegebenen Zahlen ein 
fach für die Zwecke der Beweisführung erfanden worden sind. Man 
könnte bezweifeln, daß die Tatsache des Sinkens des Zinsfußes, auf 
die sie sich gründet, allgemein genug feststehe, um den Charakter 
eines bleibenden Gesetzes zu haben: die Wirtschaftsgeschichte zeigt 
uns vielmehr periodische Schwankungen des Zinsfußes und erst kürz 
lich ist der Zinsfuß wieder bedeutend gestiegen. 
Das angebliche Gesetz wird noch zweifelhafter, wenn man, wie 
Bastiat es tut, in das Sinken des Zinsfußes nicht nur den eigent 
lichen Zins einschließt, sondern auch die Profite, die Dividenden,. 
Tantiemen und jeden Gewinnanteil des Kapitals. 
Aber auch wenn wir das Gesetz des sinkenden Profitsatzes als 
feststehend annehmen, beweist das, daß der Anteil des Kapitals ge 
ringer wird? 
Auf keinen Fall, in soweit als diejenigen Kapitalien in Betracht 
kommen, die schon in Fabriken, Gruben, Eisenbahnen, Staatsrenten 
usw. angelegt sind und in festverzinslichen Papieren bestehen. Sie 
erhalten nicht einen Pfennig weniger Zinsen, im Gegenteil, das Sinken 
des Zinsfußes hat eine Kurssteigerung der Papiere, das heißt also 
aller früher angelegten Kapitalien zufolge. Alle Kapitalisten wissen 
das und spekulieren sogar auf diese Voraussicht 1 ). 
Das Sinken des Zinsfußes kann daher den Anteil des Kapitals 
nur insoweit verringern, als neue Kapitalien in Betracht kommen;: 
wenn diese Kapitalien aber zufälligerweise eine geringere Produk 
tivität als die alten Kapitalien haben, so kann es sehr gut ein- 
treten, daß ein geringerer Zinsfuß einen gleichen oder sogar größeren 
Abzug gegenüber der Arbeit bedeutet. Das ist sogar sehr wahr 
scheinlich. Der Beweis liegt darin, daß die Volks Wirtschaftler, die 
an ein allmähliches Sinken des Zinsfußes glauben, als Argument ge 
rade die Tatsache anführen, daß die Produktivität der neuen Kapi 
talien gewöhnlich geringer als die der alten ist. 
Mit einem Worte, die Frage des Zinsfußes, die einfach eine ge 
wisse Beziehung zwischen dem Werte des Kapitals und 
dem Wert des Einkommens ausdrückt, ist ganz und 
gar nicht dieselbe, w r ie die Frage nach dem Anteil an dem Pro- 
*) Wenn der Zinsfuß von 5 auf 3% sinkt, wird die 3°/ 0 französische Rente,, 
die 60 Pr. wert war, mit 100 Pr. notiert werden. Daher entsteht keine Verminderung 
des Einkommens, aber Vermehrung des Kapitals. Ein gutes Geschäft! Die Er 
niedrigung des Zinsfußes verringert den Teil der schon angelegten Kapitalien nur 
in den besonderen Fällen, in denen der Borger sich dieser Verringerung bedienen 
kann, um eine Konvertierung auszuführen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.