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Drittes Buch. Der Liberalismus.
Leider ist auch diese Beweisführung nur ein reiner Sophismus,
Zunächst könnte man sagen, daß die oben angegebenen Zahlen ein
fach für die Zwecke der Beweisführung erfanden worden sind. Man
könnte bezweifeln, daß die Tatsache des Sinkens des Zinsfußes, auf
die sie sich gründet, allgemein genug feststehe, um den Charakter
eines bleibenden Gesetzes zu haben: die Wirtschaftsgeschichte zeigt
uns vielmehr periodische Schwankungen des Zinsfußes und erst kürz
lich ist der Zinsfuß wieder bedeutend gestiegen.
Das angebliche Gesetz wird noch zweifelhafter, wenn man, wie
Bastiat es tut, in das Sinken des Zinsfußes nicht nur den eigent
lichen Zins einschließt, sondern auch die Profite, die Dividenden,.
Tantiemen und jeden Gewinnanteil des Kapitals.
Aber auch wenn wir das Gesetz des sinkenden Profitsatzes als
feststehend annehmen, beweist das, daß der Anteil des Kapitals ge
ringer wird?
Auf keinen Fall, in soweit als diejenigen Kapitalien in Betracht
kommen, die schon in Fabriken, Gruben, Eisenbahnen, Staatsrenten
usw. angelegt sind und in festverzinslichen Papieren bestehen. Sie
erhalten nicht einen Pfennig weniger Zinsen, im Gegenteil, das Sinken
des Zinsfußes hat eine Kurssteigerung der Papiere, das heißt also
aller früher angelegten Kapitalien zufolge. Alle Kapitalisten wissen
das und spekulieren sogar auf diese Voraussicht 1 ).
Das Sinken des Zinsfußes kann daher den Anteil des Kapitals
nur insoweit verringern, als neue Kapitalien in Betracht kommen;:
wenn diese Kapitalien aber zufälligerweise eine geringere Produk
tivität als die alten Kapitalien haben, so kann es sehr gut ein-
treten, daß ein geringerer Zinsfuß einen gleichen oder sogar größeren
Abzug gegenüber der Arbeit bedeutet. Das ist sogar sehr wahr
scheinlich. Der Beweis liegt darin, daß die Volks Wirtschaftler, die
an ein allmähliches Sinken des Zinsfußes glauben, als Argument ge
rade die Tatsache anführen, daß die Produktivität der neuen Kapi
talien gewöhnlich geringer als die der alten ist.
Mit einem Worte, die Frage des Zinsfußes, die einfach eine ge
wisse Beziehung zwischen dem Werte des Kapitals und
dem Wert des Einkommens ausdrückt, ist ganz und
gar nicht dieselbe, w r ie die Frage nach dem Anteil an dem Pro-
*) Wenn der Zinsfuß von 5 auf 3% sinkt, wird die 3°/ 0 französische Rente,,
die 60 Pr. wert war, mit 100 Pr. notiert werden. Daher entsteht keine Verminderung
des Einkommens, aber Vermehrung des Kapitals. Ein gutes Geschäft! Die Er
niedrigung des Zinsfußes verringert den Teil der schon angelegten Kapitalien nur
in den besonderen Fällen, in denen der Borger sich dieser Verringerung bedienen
kann, um eine Konvertierung auszuführen.