Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 415 
seiner Erzeugnisse einen größeren Vorteil findet und infolgedessen 
am Tausch mehr gewinnen kann. Wird dies nun das ärmste 
Land sein, oder das, das industriell am höchsten entwickelt ist? — 
Stuart Mill sagt, daß es das ärmste sein wird, und hierin bestätigt 
er das, was Bastiat einfacher ansgedrückt hatte. Warum nun? Weil 
ein reiches Land stets in der Lage ist, eine größere Menge Produkte 
in die Wagschale des Tausches zu werfen als ein armes Land 1 ). 
Wie man weiß, verfechten die Schutzzöllner die gerade entgegen 
gesetzte Theorie, nämlich daß es im internationalen Austausch stets 
das arme Land ist, das die Rolle des Dummen spielt: Portugal und 
England wird z. B. oft von ihnen angeführt, was aber eine Beweis 
führung kaum ersetzen kann. 
Trotz dieses Unterschiedes der Gesichtspunkte ist Stuart Mill 
den Schutzzöllnern sympathischer, als alle anderen Volkswirtschaftler 
der liberalen Schule. Und zwar aus folgendem Grunde. Seine 
Theorie liefert ihnen ein ausgezeichnetes Argument. Sobald es 
nämlich Angebot und Nachfrage ist, wodurch die Vorteile des inter 
nationalen Handels bestimmt werden, ist es nicht unmöglich, daß 
ein Land durch geschickte Politik dieses Gesetz zu seinem Vorteil 
wenden kann, indem es Industrien hervorruft, deren Erzeugnisse mehr 
nachgefragt sind, und deren Nachfrage sich am ehesten dazu eignet, 
durch eine Preiserniedrigung vermehrt zu werden 2 ) Dies ist der 
Grund, weshalb Stuart Mill, durchaus logisch in seinen Prinzipien, 
zugibt, daß''Schutzzölle, soweit sie einen provisorischen Charakter 
haben, berechtigt sind, um einer neuen Industrie Gelegenheit zu 
geben, Wurzel zu fassen 8 ).g 
b „Es scheint mir, daß diejenigen Länder am vorteilhaftesten den Außenhandel 
pflegen, deren Erzeugnisse vom Auslande am meisten nachgefragt werden, und die 
selbst am wenigsten ausländische Produkte brauchen. Hieraus ergibt sich unter 
anderen, daß die reichsten Länder oeteris paribus am wenigsten an 
einer gegebenen Menge ausländischen Handels gewinnen; denn es ist 
wahrscheinlich, da sie eine stärkere allgemeine Nachfrage nach Gegenständen haben, 
daß sie auch eine stärkere Nachfrage nach fremden Gegenständen aufweisen werden, 
und so zu ihrem eigenen Nachteile die Bedingungen des Austausches verändern“ 
(B. III, Kap. 18. § 8). Man achte auf die Worte: „an einer gegebenen Menge“: 
sie wollen besagen, daß, wenn das reiche Land einen weniger vorteilhaften Tausoh- 
satz für seine Erzeugnisse hat als das arme Land, es trotzdem, da es viel mehr Tausch 
operationen als das arme Land macht, mehr an der Gesamtheit der Täusche gewinnt. 
Übrigens sagt das Stuaet Mill ausdrücklich. Es ist mit dem reichen Lande und 
mit dem armen Lande dasselbe wie mit dem großen Magazin und dem kleinen Krämer: 
zwar verdient das erstere auf jeden Gegenstand weniger, aber im ganzen viel mehr. 
2 ) Principles, B. II, 8. 125, franz Übers. 
s ) Stuart Mill macht den Schutzzöllnern ein noch bedeutenderes Zugeständnis, 
wenn er nachweist, daß die Einfuhrzölle nicht immer vom Verbraucher in der Form 
einer Preiserhöhung getragen werden, sondern in gewissen Fällen auf das Ausland 
abgewälzt werden können.
	        
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