Kapitel III. Der Marxismus.
541
Kapital eine Art Neuausgabe der Contradictions economiques
Peoudhox’s, die gerade Marx mit seinem Spott verfolgt hatte. Wenn
aber die kapitalistische Ordnung so voller Widersprüche ist, die in
ihrer Natur begründet sind, wie schwierig ist es dann, zu bestimmen,
ob sie uns in der Tat zum Kollektivismus führen wird! All die so
genannten wissenschaftlichen Voraussagen von der Selbstzerstörung
und der Endkatastrophe erscheinen dann nur um so verwegener 1 ).
Was die Grundtheorie anbelangt, die des Arbeitswertes, so ist
sie heute von den meisten der Marxisten verlassen worden, die sich
mehr und mehr zu der Theorie „des Grenznutzens“ oder zu der des
„wirtschaftlichen Gleichgewichtes“ bekennen 2 ). Trotz seinem Be
kenntnis zum Arbeitswerte sah sich Karl Marx selbst beständig
dazu gezwungen, als selbstverständliche Folgerung oder sogar ganz
ausdrücklich 3 ) zuzugeben, daß der Wert von Angebot und Nachfrage
abhänge, — wobei wir besonders auf das hinweisen, was wir weiter
oben über die Höhe des Profits gesagt haben. Nachdem er den
deutig sind und aus der Wissenschaft verbannt werden müßten“ (Sorel, Revue
Intern, de Sociologie, 1900, S. 270).
*) Sorei. sagt von der revolutionären Bewegung: „Alles an ihr ist unvoraussehbar“
(Decomposition du marxisme, 8. 62).
2 ) Der italienische Syndikalist Arthur Labriola (Revue Socialiste, 1899,
Bd. I, S. 674) schreibt: „Während wir Marxisten es uns sauer werden ließen, den
Mantel des Meisters zu flicken, um ihn uns umzuwerfen, hatte die volkswirtschaftliche
Wissenschaft täglich Fortschritte gemacht . . . Man vergleiche, Kapitel um Kapitel,
das „Kapital“ von Marx und die „Principles of political Economy“ von Mahshali.;
man wird daraus ersehen, wie Probleme, die wenigstens hunderte von Seiten im
Kapital beanspruchen, bei xMarshall in einigen Zeilen gelöst werden.“ B. Croce
(Materialismo storico ed Economia marxistica, 1900, S. 105) schreibt:
»Was mich anbelangt, so bleibe ich fest hei der wirtschaftlichen Konstruktion der
hedonistischen Schule . . .; doch befriedigt das nicht meinen Wunsch nach einer sozio
logischen Aufklärung über den Profit des Kapitals, und diese Aufklärung ist ohne die
vergleichenden Betrachtungen, die uns Marx vorschlägt, unmöglich.“
Endlich sagt Sorel (Saggi di critica del marxismo 1903, S. 13); „Es
ist notwendig, jede Anwandlung, den Sozialismus zur Wissenschaft zu machen, auf
zugeben. “
s ) Besonders in der von Bernstein angeführten Stelle: „Es ist in der Tat das
Gesetz des Wertes, daß nicht nur auf jede einzelne Ware nur die notwendige
Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit nur
das nötige proportioneile Quantum in den verschiedenen Gruppen verwandt ist. Denn
Bedingung bleibt der Gebrauchswert . . . Das gesellschaftliche Bedürfnis,
d- h. Gebrauchswert auf gesellschaftlicher Potenz erscheint hier bestimmend für die
Qnota der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit, die den verschiedenen besonderen
Produktionssphären anheimfallen.“ Marx, das Kapital, Bd. III-2, S. 175—176) —
und Bernstein fügt hinzu; „Dieser Satz allein macht es unmöglich, sich über die
GossEN-Bömi’sche Theorie mit einigen überlegenen Redensarten hinwegzusetzen“ (Die
Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozial
demokratie, Stuttgart, 1904, S. 42, Anm. 2).