Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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Die äußerste Eechte des sozialen Protestantismus muß man
im Gegenteil in Deutschland suchen. Im Jahre 1878 gründeten
die Pastoren Stöcker und Todt die „christlich-soziale Arbeiter
partei“, deren Anhänger jedoch trotz ihres Namens haupt
sächlich aus dem Mittelstände stammten, und die in der Arbeiter
klasse keinen Fuß fassen konnte, so daß man sehr bald das Wort
„Arbeiter“ im Titel streichen mußte. Später wurde Stöcker Hof
prediger, was der Bewegung einen halb offiziellen Charakter verlieh.
Damals sagte Stöcker: „Ich habe die feste Überzeugung, daß wir
die soziale Eevolution in das Bett sozialer Eeformen leiten können“ a ).
1890 aber verabschiedete Kaiser Wilhelm II. seinen Hofprediger und
mit ihm den offiziellen christlichen Sozialismus 2 ).
Etwas später, auf dem Kongreß zu Erfurt im Jahre 1896, ver
suchten zwei andere junge Pastoren, Naumann und Göhre 8 ), die
Arbeiterklasse mit sich fortzureißen, indem sie die protestantischen
Kirchen in eine mehr sozialistische Bahn bringen wollten. Aber
diese Bewegung, die von den offiziellen evangelischen Kirchen ver
urteilt und von den Arbeitgebern bekämpft wurde, und die wenig
Unterstützung bei der Sozialdemokratie fand, ist fehlgeschlagen, und
ihre Führer haben sich der Politik zugewandt.
133. Psalmen, Vers 1 und im 1. Brief an die Korinther, Kap. 12, Vers 16 und 26
angeführt.
Zu erwähnen ist auch das beredt geschriebene Buch von Baüschenbusch;
Christianity and the social crisis.
Ein sehr bekannter Professor der Volkswirtschaft, Eichard Ely, ist ebenfalls
ein Führer der Bewegung. Vor einiger Zeit trat auch ein Pfarrer auf, der ziem
liches Aufsehen und einigen Skandal hervorrief, Hbhhon; er predigte, daß man weit
über den Kollektivismus hinausgehen müsse, den er für „viel zu konservativ
und sogar für reaktionär“ halte — und erklärte sogar, daß neben Christo
Karl Marx nur ein verknöcherter Konservativer sei, denn; „die Annahme der
Berechtigung des Eigentums in irgendeiner Form, sei es auch nur für die Gebrauchs
gegenstände, ist eine Verwerfung Christi“.
*) Auf der Konferenz zu Genf im Jahre 1891.
Auf dieser Konferenz definierte Stöcker sein Programm wie folgt: „Wir glauben,
daß wir ohne die Hilfe des Staates nicht durchdringen können, aber wir wenden
uns auch an den Geist der Assoziation . . . Wir haben den Arbeitgebern gesagt, daß
es ihre Pflicht wäre, ein Opfer zu bringen, und daß sie die Frage zusammen mit
den Arbeitern lösen müssen. Den Arbeitern haben wir gesagt, daß, wenn sie nicht
fleißig, wirtschaftlich und gemäßigt seien, sie niemals in eine bessere Lage gelangen
würden.“ (Dieser Vortrag, den Stöcker auf eine Aufforderung der Genfer deutschen
Gemeinde hielt, ist nicht gedruckt worden, doch berichteten verschiedene französische
•Leitungen darüber, denen anscheinend das Zitat entnommen ist.. Anm. des Übers.)
2 ) Der Kaiser exkommunizierte ihn sogar in aller Form in einem Telegramm,
das er 1896 an einen mächtigen Fabrikherrn, „den König des Saargebietes“, den
Ereiherrn Stumm sandte.
’) Göhre ist der Verfasser eines Buches: Drei Monate Fabrikarbeiter,
das großen Erfolg hatte und verschiedentlich zu Nachahmungen anregte.
Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 37