Kapitel III. Die Solidaristen.
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bringe? Wenn man mir klar and deutlich nachgewiesen hat, daß die
Krankheit meines Nächsten mich töten wird, was für ein Gefühl wird
die Feststellung dieser Solidarität in mir wohl hervorrufen? Liebe?
Durchaus nicht, sondern den Wunsch, ihn von mir so weit wie möglich
zu entfernen, mich seiner zu entledigen, wenn auch nicht gerade
durch seine Vernichtung, wie man dies mit den Pestratten tut, so
doch wenigstens, indem man ihn in irgendein Sanatorium sperrt.
Höchstwahrscheinlich werde ich nicht abgeneigt sein, mein Geld für
dieses Sanatorium zu geben: aber die einzige Triebfeder dieser
Handlung wird die Furcht, oder wenn dies Wort zu unangenehm
wirkt, das persönliche Interesse sein J ).
So enthält die Solidarität in sich selbst kein Prinzip der Liebe
und strebt außerdem darauf hin, das Gefühl der Verantwortlichkeit
zu unterdrücken oder abzuschwächen, indem sie der Gesellschaft, dem
Milieu, die bestimmenden Ursachen unserer Fehler, unserer Laster
und unserer Verbrechen aufbürdet. Und doch liegt gerade in der
persönlichen Verantwortlichkeit die Grundlage des Moralgesetzes.
Diese Kritiken stammen von den individualistischen Volkswirt
schaftlern! Man darf aber nicht glauben, daß der Solidarismus von
seiten der Sozialisten, Anarchisten und Syndikalisten eine bessere
Aufnahme gefunden habe. Wenn er den Klassenkampf leugnet und
davon faselt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Arme und Reiche in einer
kindischen Verbrüderung im Gefühlsdusel zu versöhnen, so erscheint
ihnen das als nichts anderes als ein Versuch, dem Sozialismus die
Sehnen seiner Kraft zu durchschneiden 2 ).
Alle diese Kritiken erscheinen uns jedoch nicht überzeugend.
Sie mögen vielleicht genügen, um den Gedanken einer sozialen Schuld
in seiner juristischen Zwangsform auszuscheiden, aber sie können
nicht a.us der Welt schaffen, daß der Solidarismus der sozialen
Ökonomie und sogar der Moral höchst wertvolle Beiträge geleistet hat.
>) In den Vereinigten Staaten haben sich Vereine „gegen das Küssen“ ge
bildet, doch hat der Puritanismus hiermit nichts zu tun, sondern nur die Bazillen
furcht. Bald wird es zweifellos aus demselben Grunde Vereine gegen „das Hände
schütteln“ geben, eine merkwürdige Folge der Solidarität, die doch überall durch
zwei sich gefaßt haltende Hände bildlich dargestellt wird!
In dem Buche von Paul Bukbau: LaCrise morale des temps nouveaux
findet man eine lange und lebhafte Kritik des Solidarismus vom moralischen Ge
sichtspunkte ans.
3 ) Wie man sie z. ß. in Le Mouvement Sociallste würdigt, zeigt folgende
Stelle; „Die Entwicklung des Solidarismus ist eins der beunruhigendsten Zeichen der
£eit. Sie ist das Kennzeichen und die Ursache einer tiefen, sehr großen Absehwächung
der Energie“ (Julinummer, 1907. — Paüu Owvier, Bericht über den Solidarisme
von BouGLfi).