3838 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.
Einen neuen Antrieb seiner Erneuerung und Umgestaltung
empfängt der Zahlbegriff sodann von seiten der Gleichungs-
lehre, indem hier zuerst die Bedeutung des Negativen und
Imaginären sich deutlich darstellt. Freilich kann man gerade
an dieser Stelle verfolgen, wie das philosophische Begreifen mit
den Fortschritten der mathematischen Einzelerkenntnis nicht
gleichen Schritt zu halten vermag: wie nur allmählich und
schrittweise das logische Recht der neuen Gedanken erkämpft
wird. Die negativen Zahlen gelten anfangs noch schlechthin
als „absurde Zahlen“; das Imaginäre wird dem „Unmöglichen“
durchweg gleichgesetzt. Es ist — wie Cardano, sein eigentlicher
Entdecker, ausspricht — eine „sophistische Grösse“: ein Ge-
bilde, das lediglich auf formaler Logik beruht, „da man an ihm
nicht, wie an den übrigen Grössen, die Rechnungsoperationen
ausüben, noch weiterhin fragen kann, was es ist und zu bedeuten
hat“.1865) Wäre die Anwendbarkeit der allgemeinen algebraischen
Verfahren und Betrachtungsweisen für das Imaginäre ausge-
schlossen, so wäre damit freilich das Verwerfungsurteil notwendig,
das hier gefällt wird. Die Geschichte der Mathematik aber weist
einen andern Weg: es galt eine neue Logik zu schaffen, die dem
neuen Inhalt gerecht würde. Der Zahlbegriff in seiner Weiter-
bildung vollzieht daher am klarsten den Bruch mit dem über-
lieferten Ideal des Erkennens. Wenn wir von den einzelnen
Individuen und „Substanzen“ ausgehen sollen, um sie in begrift-
lichen Merkmalen abzubilden, so müssen wir für jeden noch so
allgemeinen Begriff zuletzt eine konkrete Entsprechung fordern,
so muss jeder Gedanke, der sich nicht derart als mittelbares
Abbild vorhandener Gegenstände beglaubigen kann, hinfällig
werden. Die neue Denkweise indes lehrt von dieser Forderung
absehen: nicht als Erzeugnis der „Abstraktion“ vom Einzelnen,
sondern als Erzeugnis der Definition entsteht ihr der Begriff.
Die Grundlegung kann vollzogen werden, die Geltung und deı
Eigenwert unserer ersten gedanklichen Relationen kann entwickelt
und ausgebildet werden, unbekümmert darum, ob direkte Gegen-
bilder für sie in der Welt der dinglichen Wirklichkeit vorhanden
sind. So wird auch die Zahl zum Ausdruck eines reinen Ver-
lahrens und einer Operation des Denkens: ihr „Sein“ ist gesichert,
wenn es gelingt, eine strenge und allgemeine Erklärung zu finden