Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

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Menschen  und  gelangt  nur  insoweit  zu  dem  Bewußtsein  und  der  Verwirklichung ­
  seines  Menschtums,  wie  er  in  der  Gesellschaft  lebt  und
den  kollektiven  Einfluß  der  ganzen  Gesellschaft  auf  sich  wirken  läßt.
Er  befreit  sich  von  dem  Joch  der  äußeren  Natur  nur  durch  die
kollektive  und  soziale  Arbeit,  die  allein  imstande  ist,  die  Oberfläche
der  Erde  zu  einem  der  Entwicklung  der  Menschheit  günstigen  Aufenthaltsort ­
  umzugestalten.  Er  kann  sich  von  dem  Joch  seiner  eigenen
Natur  nicht  befreien;  d.  h.  er  kann  die  Instinkte  und  Bewegungen
seines  eigenen  Körpers  der  Leitung  seines  Geistes  nur  in  dem  Maße
unterwerfen,  wie  dieser  durch  Erziehung  und  Unterricht  entwickelt
wird:  beides  sind  aber  durchaus  soziale  Dinge.  Ohne  die  Gesellschaft
würde  der  Mensch  ewig  ein  wildes  Tier  geblieben  sein 1 ).“
Peoudhon  wie  Keopotkin,  beide  betonen  immer  wieder  mit
gleichem  Nachdruck:  das  Gesellschafts  wesen  ist  wirklich;  die  Gesellschaft ­
  ist  älter  als  das  Individuum,  ist  mindestens  gleichzeitig  mit
ihm  entstanden.  Nur  einige  anarchistische  Schriftsteller,  wie  z.  B.
Jean  Gkave,  scheinen  die  alte  und  unfruchtbare  Gegenüberstellung
von  Individuum  und  Gesellschaft  aufrecht  halten  zu  wollen,  den  Begriff ­
  einer  Gesellschaft,  die  sich  aus  Individuen  aufbaut  wie  ein
Haus  aus  Ziegelsteinen.
Besteht  aber  zwischen  diesem  Gedanken  und  der  früheren  Proklamierung
  der  individuellen  Autonomie  kein  Widerspruch?  Wie  kann
man  gleichzeitig  das  soziale  Leben  preisen  und  die  Abschaffung  aller
traditionellen  Bande  verlangen *  2 )?
*)  Bakunin,  (E  u  y  r  e  s,  Bd.  I,  S.  277.
2 )  Koch  auf  seinem  Sterbebett  erklärte  Bakunin  seinem  Freunde  Reichel:
„Unsere  ganze  Philosophie  geht  von  einer  falschen  Grundlage  aus!  Beginnt  sie  doch
immer  damit,  den  Menschen  als  Individuum  zu  betrachten,  und  nicht,  wie  sie  es
doch  sollte,  als  ein  Wesen,  das  einer  Gemeinschaft  angehört.“  (Angeführt  von
Guillaumb,  Vorwort  z.  Band  II  der  (Euvres,  S.  LX.)  —  Inseiner  Philosophie
du  Progres  (CEuvres  Bd.  XX,  S.  36—38)  schreibt  Pkoudhon:  „Alles,  was  die
Vernunft  weiß  und  behauptet,  ist,  daß  das  Wesen  ebenso  wie  die  Idee  nur  eine
Gruppe  ist,  .  .  .  Alles,  was  besteht,  ist  gruppiert,  alles,  was  eine  Gruppe  bildet
ist  Eins,  ist  folglich  wahrnehmbar,  und  IST  daher  .  .  .  Außerhalb  der  Gruppe  gibt
es  nur  Abstraktionen  und  Phantome.  Auf  Grund  dieser  Auffassung  des  W  e  s  e  n  s
im  allgemeinen  .  .  .  halte  ich  es  für  möglich,  die  positive  Wirklichkeit  und  bis  zu
einem  gewissen  Punkte  die  Ideen  (die  Gesetze)  des  sozialen  Ich  und  der  Mensohengruppe'zn
  beweisen,  und  über  und  außerhalb  unserer  individuellen  Existenz  das
Dasein  einer  höheren  Individualität  des  kollektiven  Menschen  festzustellen  und  kund
zu  tun.“  Die  Ausführung  der  gleichen  Idee  findet  sich  noch  an  verschiedenen
anderen  Stellen,  z.  B.  in  dem  Petit  Catechisme  politique,  der  den  Schluß  des
ersten  Bandes  der  Justice  dans  la  Revolution  usw.  bildet,  wie  auch  in  der
Idee  generale  de  la  Revolution.
Nach  Khopotkin  hat  der  Mensch  niemals  anders  als  in  Gesellschaft  gelebt.
«Soweit  wir  in  der  Paläo-Ethnologie  der  Menschheit  znrückgehen  können,  finden
wir  Menschen,  die  in  Gesellschaft  leben  —  in  Stämmen,  ähnlich  denen  der  höchsten
            
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