Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Drittes Kapitel.

Das Copernikanische Weltsystem
und die Metaphysik. — Giordano Bruno.

Wenn die neue astronomische Weltansicht, um in ihrem
Gehalt begriffen und dargestellt zu werden, sich zuvörderst eigene
gedankliche Mittel erschaffen musste, wenn sie somit zunächst
auf eine Umgestaltung des theoretischen Inhalts der Erkenntnis
gerichtet war, so ist doch darin ihr philosophischer Wert nicht
erschöpft. Die Kraft und der Enthusiasmus, mit der die Copernikanische
 Lehre von ihren ersten Anhängern ergriffen und verfochten
 wird, wurzelt nicht allein in der veränderten logischen
Auffassung, die sich in ihr eröffnet, noch auch in der allgemeinen
Erneuerung des Naturbegriffs, Die Wandlung in dem Bilde
der objektiven Wirklichkeit bestimmt unmittelbar zugleich den
Inhalt und das Gepräge der Geisteswissenschaften. Eine neue
ethische Lebensansicht, eine neue Welt- und Wertbetrachtung gelangt
 jetzt überall zum Ausdruck. Nicht nur in der Philosophie,
auch bei den Männern der exakten Wissenschaft zeigt sich die
Durchdringung dieser beiden Grundmotive, An den Schicksalen
der Lehre von der Erdbewegung, an ihren ersten antiken Anfängen,
 ihrer späteren Verdunkelung und ihrer modernen Neuerweckung,
 gewinnt Kepler die allgemeine Einsicht in das Wesen
der Geschichte, fasst er zuerst den Gedanken einer stetigen
„Erziehung des Menschengeschlechts“ zur Natur- und
Selbsterkenntnis.!) Und selbst bei einem so exakten ünd nüch-
            
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