Full text: Grundlinien unserer Handelspolitik

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Kreisen heute noch: Warum sollen wir z. B. das österreichische und ungarische 
Getreide teurer bezahlen, während wir aus Amerika dasselbe Getreide billiger 
bekämen? Warum bei uns diese oder jene Industrie durch ein künstliches Hoch 
halten der Preise mittelst Schutzzöllen aufpäppeln, wenn wir die Waren dieser 
Industrien aus anderen Ländern zu niedrigeren Preisen beziehen können? 
Jedes Land habe eben seine bestimmten natürlichen Vorzüge, auf diese 
solle es sein Wirtschaftsleben gründen und alles andere von den anderen 
Ländern beziehen. Es solle also eine gewaltige A r b e i t s t e i l u n g i n d e r 
ganzen Welt stattfinden und die Vereinigung aller Produkte dort, wo sie 
gebraucht werden, ermöglicht und erleichtert werden durch die Z o l l s r e i- 
tz e i t in allen Ländern, durch den Freihandel. Bei einer solchen Wirt 
schaftsordnung müßten, so meinen die Freihändler weiter, alle Völker Vor 
teile haben: weil nur dort gearbeitet wird, wo die betreffende Ware am 
billigsten und besten erzeugt werden kann, und, weil ferner die Konkurrenz der 
ganzen Welt den Preis bestimmt und schließlich die verteuernden Zölle in 
Wegfall kommen, müßten die Warenpreise sich niedriger stellen als jetzt. Was 
schließlich durch das Eingehen von jenen Wirtschaftszweigen, die heute nur 
unter dem Schutze von Zöllen sich erhalten können, an Arbeitsgelegenheit 
vernichtet würde, das käme vielfach zurück in dem gesteigerten Warenverkehr 
und -Handel. 
Die Freihändler sind heute noch lange nicht ausgestorben. Abgesehen von 
manchen Professoren der Nationalökonomie, trifft man Freihändler begreif 
licherweise in jenen Wirtschaftszweigen, die von der Einführung des Frei 
handels zweifellos Vorteil hätten: im Handel und in den Verkehrsgewerben; 
außerdem aber in jenen wenigen Industrien, welche von der Natur derart 
begünstigt sind, daß sie ein förmliches Monopol auch auf dem Weltmärkte be 
sitzen. Außerhalb dieser Kreise begegnet man Anschauungen und Schluß 
folgerungen, wie wir sie oben dargelegt haben, in den letzten Jahren besonders 
sehr häufig, wenn die Frage: Teuerung und Handelspolitik angeschnitten 
wird. Wenn es gilt, gegen die Agrarzölle Sturnr zu laufen, dann bekennen 
sich die Sozialdemokraten und ihre Freunde im liberalen Lager schnell zu den 
Theorien des Freihandels. 
Die Freihandelstheorie hat zweifellos etwas Bestechendes. Es wäre ja 
vielleicht ganz schön, wenn eine solche Verteilung der Arbeit auf der ganzen 
Welt eingeführt würde; aber faktisch ist man heute von einem solchen Zustande 
in der Weltwirtschaft weit entfernt. Heute werden die politischen und 
nationalen Grenzen stark bewacht und gehütet, heute schließen sich infolgedessen 
die Staaten gegeneinander auch mit hohen Schutzzöllen ab, und sucht jeder, 
in seinem Lande möglichst alles zu erzeugen. Solange der Gedanke des all 
gemeinen Weltfriedens nicht Wirklichkeit geworden ist, darf man nicht hoffen, 
daß bei Gewährung des Freihandels wirklich Freiheit im Handel herrschte, 
daß nicht etwa nationale und politische Strömungen den Boykott der 
Waren eines bestimmten Landes hervorriefen. Der wirtschaftliche Grundsatz, 
„für möglichst wenig Kosten möglichst viel Erfolg", herrscht nicht immer. Das 
zeigte sich 1908/1909, als die Türken den Boykott über unsere Waren ver 
hängten, und z. B., obwohl die Fes fabrikation ein förmliches Monopol
	        
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