Full text : Ernährungswirtschaftliche Gegenwartsprobleme in Österreich

Was  bic  Preise  der  inländischen  Lebensmittel  anlangt,
so  war  die  staatliche  PreisbeeinfluMng  ein  wesentlicher  Faktor  des
Systems  der  gebundenen  Wirtschaft,  insbesondere  ans  dem  Ernährungs
gebiete,  zugleich  ihr  schwächster,  ihre  partie  lionteuse.  Theoretisch  war
der  der  gebundenen  Wirtschaft  innewohnende  Gedanke  Übernahme
der  gesamten  Produktion  z»  entsprechendem  Preise  und  Verteilung  —•
sicherlich  richtig,  angesichts  des  infolge  der  Blockade  entstandenen  Mistverhältnisses ­
  von  Anbot  und  Nachfrage  auch  sicherlich  notwendig.  Tie
öffentliche  Meinung,  die  im  Herbste  1914  durch  die  zunehmende
Teuerung  der  Brotfrüchte  rasch  beunruhigt  war,  verlangte  damals  sehr
energisch  die  sofortige  Festsetzung  der  jetzt  so  verpönten  Höchstpreise.
Aber  die  Aufgabe,  angemessene  Preise  zu  erstellen,  war  zu  groß  »nd  kann
auf  wirtschaftlichem  Gebiete  auch  bei  gewissenhaftester  Erforschung  der
Produktionskosten  und  aller  sonstigen  Elemente  der  Preisbildung
sicherlich  nur  unbefriedigend,  wenn  überhaupt,  gelöst  werden.  Die
mangelnde  Relation  der  Preise,  die  mangelnde  Beachtung  der
prodnktivnspolitischen  Zusammenhänge,  die  starke  Rücksichtnahme  ans
soziale  Interessen,  gegen  die  unter  dem  Zwange  der  Verhältnisse  oft
die  wirtschaftlichen  Interessen  zurücktraten,  trugen  zur  Verärgerung
des  Landwirtes  bei,  ohne  den  Verbraucher  zufriedenstellen  zu  können.
Daß  diese  zweifelhaft  oft  verfehlten  Maßnahmen  vielfach  schädigend
auf  die  Produktion  wirkten,  ist  (beispielsweise  bei  der  Milchprvdnktionl
außer  Zweifel  und  auch  das  Nachhinken  der  Höchstpreise  hinter  der
Entwicklung  der  Verhältnisse  hat  den  Produktionsrückgang  nicht  zu
verhindern  vermocht.
Alle  Maßnahmen,  die  eine  znm  Teile  künstliche  Niederhaltung
der  Preise  bewirkten,  konnten  die  zunehmende  Teuerung  und  die  preissteigenden
  Wirkungen  der  Inflation  auf  die  inländischen  Lebensmittelpreise
  nicht  verhindern.  Man  kann  die  Preispolitik  für  Lebensmittel
nicht  ans  einen  Jsolierschemel  stellen,  luic  überhaupt  die  Ernährungswirtschaft ­
  nicht  isoliert  betrachtet  werden  kann.  Ein  großer  Teil  der
heute  bestehenden  Höchst-  und  Richtpreise  für  inländische  Produkte  ist
unhaltbar  »nd  aufgehoben  worden.  Bestimmte  Übernahmspreise  (Höchstpreise) ­
  werden  noch  aufrechterhalten  bei  gewissen  landwirtschaftlichen
Produkten,  für  die  eine  Kontingentpflicht,  eine  Ablieferungspflicht  besteht,
zum  Beispiel  für  Getreide.
Hier  setzt  nun  wieder  der  Streit  der  Meinungen  ein.  Die
Freiheit  der  Preise  und  Aufhebung  aller  Preisschranken  auch  für
ablieferungspflichtige,  staatlich  bewirtschaftete  Artikel  wird  als  einziges
            
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