92 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1550
Vereinigten Staaten 1878 —1898 stattfand, vermochte den Silberpreis nicht zu heben.
Auch ein Völkerbund dahingehend, daß die Kulturftaaten einige Jahre große Silber—
massen ankaufen, könnte nur vorübergehend den Silberpreis steigern. Die Masse
der Bevölkerung in den heutigen Goldländern würde sich doch nicht wieder an das
schwere Silbergeld gewöhnen. Die heutigen wesentlichen Goldländer haiten 1900 auf 18,5
Milliarden Mk. Goldmünze noch 8,9 Milliarden Mk. Silbermünze. Der Bimetallismus
könnte die letztere Zahl nicht sehr wesentlich erhöhen, ohne das Gold hinauszutreiben und
zu einer reinen Silbercirkulation oder Papierwirtschaft zu führen. Nur das wäre ver—
nünftiger Weise möglich, daß man mit Aufrechthaltung der Goldwährung in ihnen
das Silbergeld in seiner Funktion als Zeichengeld und Scheidemünze noch ein klein
wenig ausdehnte. Aber das änderte an der Gesamtnachfrage nach Silber nicht
sehr viel.
Doch liegt in Gründen und Gegengründen dieser Art nicht der eigentliche Schwer—
punkt der bimetallistischen Agitation. Ihre Kraft erhielt sie durch die Erwartung
höherer Preise und gewinnreicherer Geschäfte, durch die Hoffnung auf erleichterte Kon—
kurrenz Europas mit den asiatischen und amerikanischen Silberländern und endlich durch
das dunkle Gefühl einer materiellen Ungerechtigkeit, welche den Schuldnern und Nicht—
kapitalisten durch Ubergang zur Goldwährung zum Vorteil der Kapitalisten und
Gläubiger zugefügt worden sei. Wir werden unten von der Geschichte des Geldwertes
und der allgemeinen Preisbewegung von 1850 bis zur Gegenwart zu reden haben;
auch von den Handelsbeziehungen zwischen Gold- und Silberländern reden wir besser
in anderm Zusammenhang. So können wir hier nur sagen: im Gebiet dieser dunkeln
und schwierigen Fragen ist es heute unmöglich, eine klare, einfache wissenschaftliche
Antwort zu geben. Deshalb sollten aber auch die Hypothesen und Wuünsche der einen
und der andern Partei nicht den Ausschlag geben; jedenfalls ist der Satz nicht be—
wiesen, daß die niedrigen Großhandelspreise von 1878—95 überwiegend eine Wirkung
der Goldwährung seien. Von 1895—18900 sind die Preise ja im ganzen wieder ge⸗
stiegen; seither ist allerdings auch die bimetallistische Agitation immer schwächer
geworden. Noch weniger kann ein dunkles Gerechtigkeitsgefühl entscheiden, das dahin
geht, mit der Aufrechterhaltung der Silberwährung wären heute die Kapitalisten weniger
reich, die Schuldner weniger belastet. Gewiß wirken die großen weltgeschichtlichen
Wertverschiebungen oft zu Gunsten einzelner, zu Ungunsten anderer Klafsen. Und wo
solche Ungunst zu hart und genügend klar ist, kann mit Staatsmaßregeln unter Umständen
eingegriffen werden, wie wir vorhin schon gegenüber Wolowski sagten. Aber hier ist
einmal ficherlich das formale Recht nirgends verletzt, und dann stammen in den Gold—
währungsländern ohne Zweifel 90 Prozent aller Verträge heute aus der Zeit dieser Währung.
Die angeblich vor Jahren Geschädigten wären entfernt nicht dieselben wie die, welche
jetzt den Vorteil von der Hebung des Silberpreises auf sein altes Niveau hätten. Diese
Hebung würde ein so starker Eingriff in die Verteilung des Eigentums sein, würde
Tausende und Millionen so gewaltig schädigen, anderen Millionen so plotzliche Gewinne
zuführen, daß kein gerechter Politiker dazu raten kann. Auch sind es nicht die Armen,
die Arbeiter, die die Maßregel fordern, sondern gewisse Teile des bürgerlichen Mittel—
standes und der ländlichen Äristokratie.
Wir müssen so doch mit Lexis zu dem Resultat kommen, daß der internationale
Bimetallismus ein tollkühner Sprung ins Dunkle wäre, aus dem wahrscheinlich große
Wirren und Katastrophen, eine von Schwindel und Krisen begleitete Preisrevoluͤtion
hervorginge; die wirtschaftlichen und rechtlichen Argumente für ihn sind zweifelhafter
und unsicherer als die für Beibehaltung des jetzigen Zustandes. Der Sieg der Gold—
währung in den reichsten Kulturstaaten ist das historische Endergebnis einer Entwickelung,
welche ähnlich im Altertum verlief, welche notwendig von der Vielheit der Zahlmittel
und Wertmesser zur Ausschließlichkeit des Goldes als Währung vordrang, das für
Münz:e und Geldzwecke der Kulturftaaten das passendste Mittel ist. Die Goldwährung
der heutigen reicheren Staaten ist nicht bloß die Folge einiger Regierungsmaßregeln,
sondern ebenso die der beutigen Verkehrsbedürfnisse und Produktionsverhältnisse. Die