Der moderne Imperialismus.
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erscheint der Eingeborene, und sei es auch der Höchststehende, als
ein entwicklungsunfähiger «Nigger».
Ein spanischer Jurist des 16. Jahrhunderts hat die Rechtmäßigkeit
dieses Verhältnisses bereits in merkwürdiger Vermischung von
Naivität und Subtilität gezeichnet. Die gewaltsame Unterwerfung
der Eingeborenen durch die Konquistadoren, so meint er, sei sittlich
berechtigt: 1. wegen der Sünden, die die Indianer begangen hätten,
2. wegen der Rauheit ihrer Sitten, die sie zu Sklaven bestimme, 3. da
mit es möglich sei, die wahre Religion unter ihnen zu verbreiten,
4. damit die Übergriffe der Mächtigen unter ihnen gegen die Schwa
chen des gleichen Stammes verhindert werden können. Er verlangt
die Herrschaft der Weißen über die Eingeborenen, weil diese zur
Ausnutzung bestimmt seien und nur durch diese Ausnutzung ge
bessert werden könnten. Seine Auffassung fällt mit der heute in
weiten Kreisen herrschenden Anschauung zusammen. «Kann man be
zweifeln,» sagt einer der Pioniere der britischen Ausdehnung in Süd
afrika, «daß der Weiße seine höhere Zivilisation den farbigen Rassen
aufzwingen soll und muß?»
Das Ziel dieser Aufzwingung von Zivilisation ist indes nicht die
langsame Umwandlung der Eingeborenen in europäische Vollbürger.
Was diese Auffassung überhaupt berechtigt, ist eben die Vorstellung
der dauernden Minderwertigkeit des Eingeborenen, der von der
europäischen Zivilisation umklammert werden muß, nicht, damit er
von ihr völlig umgestaltet werde, sondern damit er ihr diene. —
Schon die spanische Eingeborenenpolitik des siebzehnten Jahrhun
derts hat diese Minderwertigkeit der Eingeborenen als unumstöß
liche Tatsache hingenommen. Sie hat die Indianer daher als rechtlich
Unmündige betrachtet und zum Schutz vor Ausbeutung vom Verkehr
mit den Kolonisten abschließen wollen. Dem modernen europäischen
Siedler hingegen soll diese Minderwertigkeit nicht nur die äußere
Gelegenheit, sondern auch die innere Rechtfertigung zur Ausnützung
eines Herrschaftsverhältnisses geben, dessen Aufrichtung und Aus
übung eben das Wort «Imperialismus» bezeichnen will.
In seinen besten Typen ist sich der Weiße der Pflicht wohl be
wußt, dieses Herrschaftsverhältnis nicht nur zum eigenen Nutzen,
sondern auch zum Segen der Eingeborenen zu gestalten. Es gilt
ihm in feierlichen Augenblicken als «Bürde des weißen Mannes»;
er ist ehrlich bemüht, den Eingeborenen die Segnungen einer Ge