408
Drittes Buch. Der Liberalismus.
Stuart Mill hätte in das Kapitel eingereiht werden können, das
wir den Pessimisten gewidmet haben, denn in gewisser Hinsicht gehört
er zu ihrer Schule, besonders, weil er stets mehr die trübe Seite der wirt
schaftlichen Tatsachen ins Auge faßt. Wie wir schon gesehen haben,
erscheint ihm nicht nur das Gesetz der Bevölkerung als voller Gefahren
für die Zukunft der Arbeiterklasse, sieht er nicht nur in dem Gesetz des
sinkenden Bodenertrages, d. h. in der verhängnisvollen Begrenzung der
zum Leben notwendigen Erzeugnisse, „die wichtigste Wahrheit der volks
wirtschaftlichen Wissenschaft“, sondern seine Bücher sind voll von
melancholischen Betrachtungen über den eitlen Glauben an den Fort
schritt. So sagt er z. B. an der so oft angeführten Stelle: „Es ist zweifel
haft, ob alle mechanischen Erfindungen die tägliche Arbeitslast irgend
eines menschlichen Wesens erleichtert haben * 1 ).“ Und in gleicher Weise
zeigt er uns in einer ergreifenden Vision die Zukunft der Gesellschaft
und führt aus: „wie der Strom menschlichen Fleißes am Ende allen Endes
in ein stagnierendes totes Meer mündet“.
Es ist der Mühe wert, einen Augenblick bei dieser Idee eines sta
tionären Zustandes zu verweilen, die, wenn auch ihre Ursprünge
weit vor Mill liegen, doch einer der für ihn bezeichnendsten Gedanken
seines Werkes ist, in dem man sogar „am Ende allen Endes“ seine Lösung
der sozialen Frage suchen muß.
Wie wir sahen, haben die Volkswirtschaftler und besonders Kicardo
das Gesetz des allmählich sinkenden Profits, als eng mit dem Gesetz
des sinkenden Bodenertrages verbunden gelehrt. Sie glaubten, daß es
bis zu dem Punkte fortwirken würde, an dem die Verminderung des Profits
so groß geworden sei, daß die Bildung neuer Kapitalien verhindert würde 2 ).
einem jeden frei stehen, über sein Eigentum durch Testament zu verfügen, aber nicht
es zu verschwenden, um ein oder mehrere Personen über ein bestimmtes, festgelegtes
Maximum hinaus zu bereichern“ (Bd. I, B. II, Kap. 2, § 4).
Es ist kaum notwendig, darauf hinzuweisen, daß die Beschränkung des Erbrechtes
eine durchaus persönliche Auffassung des Individualismus Stuart Mill’s ist, die,
gerade wie übrigens die Vorhergehenden Lösungen, von der überwiegenden Mehrzahl
der Individualisten verworfen wird. Es ist daher etwas gewagt, wenn Schatz in seinem
Buch über den Individualismus behauptet, daß „Stuart Mill der wirkliche Wardein
des individualistischen Geistes sei!“ Er wäre dann ein etwas ungetreuer Verwalter,
dessen Unterschlagungen zu zahlreichen Prozessen Anlaß gegeben hätten 1
l ) Principles, B. IV, Kap. 6, § 2.
a ) Zu jeder Zeit und an jedem Orte hat es eine gewisse Höhe des Profits gegeben,
die das Minimum darstellt, bei dem die Menschen dieser Zeit und dieses Landes sich
dazu entschließen können, Ersparnisse zu machen und sie produktiv anzulegen. • • •
Wenn auch diese Minimalhöhe verschieden sein kann, und obgleich es möglich sein mag,
ihre genaue Höhe in einem gegebenen Augenblick festzusetzen, so besteht doch dieses
Minimum stets. Sei es hoch oder niedrig, sobald es einmal erreicht worden ist, k an11
die Summe der Kapitalien nicht weiter steigen. Das Land hat den Zustand erreicht,