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I. Die Grundurteile der Politik.
ideal zu. Zu diesem gehört vieles; Religion und Wissen
schaft, Recht (Rechtsstaat), Sprache und Sitte, Kunst
und edlerer Lebensgenuß; unentbehrlich dafür sind
Ausdehnung, Macht und Ansehen (bei den anderen)
des Staates. Die Gestaltung im einzelnen ist nie ratio
nalistisch beliebig, sondern historisch bedingt und das
Gewordene stets konstituierend, das ideelle nur regula
tiv die Entwicklung bestimmend usw. Zu solchem
Zweck sind offenbar nicht alle Glieder gleich wichtig
und nötig, ganz wie die Glieder im Organismus auch',
wie sie auch nicht gleiche Leistungen verrichten. Man
kann wohl Hand oder Fuß, nicht aber Kopf oder Herz
verlieren, ohne das Leben zu gefährden. Es ergibt sich
eine Wertabstufung, die bei einer Organisation als
„natürlich" und vernünftig zu gelten hat, deren Besei
tigung also nicht anzustreben ist, sondern ein Unglück
wäre. Was in einem Zeitpunkt an Wert bezw. Wichtig
keit überragt, ist zudem auch historisch bedingt, je
nachdem ein „Kulturteil" vernachlässigt wurde und in
der Entwicklung zurückblieb.
Man wird ferner die Gedanken des Fortschritts
und der Entwicklung „organisch" auffassen, das heißt
als einen allmählichen Ausbau und eine Vervollkomm
nung des Bestehenden. Kein Organismus zeigt in
seinem Leben plötzliche fundamentale Umwälzungen;
ist das Wachstum auch nicht in strengem Sinne stetig,
sondern periodisch und ruckweise, so doch niemals in
völlig anderer Richtung oder anderem Sinne als bis
her. Was für den Organismus die Art und Anlage,
das ist für den Staat völkische Eigenart und historische
Entfaltung; der gedeihliche Fortschritt zeigt Perioden,
erfolgt auch durchaus nicht auf allen Gebieten der