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III. Das Führerproblem.
nalität bezeichnet. Zwischen diesem und dem Führen
aber besteht ein Gegensatz; allzu eigenartige Charak
tere eignen sich dafür nicht. Und es ergibt sich folgende
Antinomie: zum Führen bedarf man zweifellos „Per
sönlichkeiten"; sind diese aber allzu sehr entwickelt, d. h.
eben allzu „originell", dann laugen sie wieder nicht
dazu, wie die Erfahrung des Lebens zeigt.
Die Lösung dieses Widerspruchs ist nur durch folgende
Erwägungen niöglich. Zunächst erscheint durch die
„Aristagie" die Menschheit in zwei Gruppen zerteilt,
in Führende und Geführte. Aber es muß etwas geben,
was beiden Teilen gemeinsam ist, sie zusammenhält
und wiederum zu einer Einheit macht. Das ist das
Ziel, der Zweck menschlichen Handelns, in den höchsten
Fällen das Ideal, das eine Zusammenfassung von
Zwecken bedeutet. Zu ziellosem Handeln, willkürlichem,
beliebigen, in diesem Sinne „freien", braucht man
keinen Führer; das kann jeder allein besorgen; jeder
ist dann zugleich Träger der Idee, des Sinnes der
fraglichen Handlungen. Der Führer aber muß die
Ziele besser kennen oder doch wenigstens bei Überein
stimmung über das Ziel die zu ihm führenden Wege;
gemeinsam ist ihm und den Geführten dann die Sache,
um die es sich handelt, die Aufgabe, die gelöst, das
Ziel, das erreicht werden soll; darin liegt das Verbin
dende und nur in der Rollenverteilung das Tren
nende.
Also können tvir keine „Persönlichkeit" brauchen, die
nur sich selbst und ihre Interessen zum Ziele setzt;
das aber tut das Streben nach Originalität, der spe
zielle Persönlichkeits-Kultus, ja eine ganze ethische
Richtung, die in der Selbstvervollkommnung das ein-